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Jeder zweite Stream deutscher Songs geht bei Spotify ins Ausland

Künstler wie Robin Schulz und Felix Jaehn feierten zuletzt weltweit große Erfolge, doch eine Analyse der Spotify-Betreiber zeigt, dass deutsche Produktionen auch abseits der Hits als Exportschlager taugen.

28.10.2016 15:42 • von
Analysiert Erfolge deutscher Künstler: Marie Heimer (Bild: Tom Woollard / Spotify)

Künstler wie Robin Schulz und Felix Jaehn feierten zuletzt weltweit große Erfolge, doch eine Analyse der Spotify-Betreiber zeigt, dass deutsche Produktionen auch abseits der Hits als Exportschlager taugen.

"Wir sehen eine Entwicklung hin zu mehr Musikexporten", berichtet Marie Heimer, die bei Spotify als Director Label Relations für Deutschland, Österreich und die Schweiz fungiert. Deutschland, in Hinblick auf Musik lange ein Importland, wandele sich zu einem Musikexportland. "Skandinavien und vor allem Schweden ist schon immer ein großer Exporteur von Musik gewesen", weiß Heimer.

Mehr als 60 Prozent der Abrufe von Titeln, die in einem der Länder im Norden Europas produziert wurden, entfielen im vergangenen Jahr auf Territorien außerhalb der Nordics-Region, wie eine Auswertung der Spotify-Daten gezeigt habe. Vor diesem Hintergrund habe man sich einen Vergleichswert auch für den deutschen Markt ansehen wollen - "und da waren wir positiv überrascht", berichtet Heimer:

"Wir haben festgestellt, dass rund 50 Prozent der Streams von Repertoire mit deutschem ISRC-Code auf Regionen außerhalb Deutschlands entfallen." Und die Zahl der Abrufe wächst weiter: "2015 haben wir rund 5,6 Milliarden Streams deutschen Repertoires im Ausland gezählt, im ersten Halbjahr 2016 waren es schon 3,4 Milliarden, was einen Zuwachs von rund 37 Prozent im Vorjahresvergleich bedeutet."

Die Speerspitze bilden dabei Hits. "Robin Schulz zum Beispiel wird außerhalb Deutschlands zehnmal so viel gestreamt wie hierzulande." Daneben gebe es aber abseits der deutschen Grenzen auch "heimliche Helden" zu beobachten. "Moderat haben außerhalb Deutschlands so viele Streams wie Silbermond und Revolverheld zusammen in ihrem Heimatmarkt, und Nils Frahm kommt außerhalb Deutschlands auf so viele Streams wie Cro in Deutschland."

In Mexiko und Skandinavien finden Rock und Metal aus Deutschland Hörer

Die meisten internationalen Abrufe hiesiger Produktionen kommen von Nutzern aus den USA, gefolgt von Schweden und Großbritannien. Aber auch in Spanien, den Niederlanden und Mexiko seien Titel aus Deutschland beliebt. "Während im Rest der Welt vor allem Dance- und EDM-Titel von Künstlern wie Robin Schulz und Felix Jaehn für die Erfolge deutscher Produktionen stehen, haben wir in Mexiko und Skandinavien zusammen im Monat fast eine Million Hörer von Rock und Metal aus Deutschland", fasst Heimer die Ergebnisse der Spotify-Erhebungen zusammen. Das liege unter anderem auch am Erfolg von Labels wie Nuclear Blast, die sehr viel exportieren würden. "Zudem ist Mexiko ein riesiger Markt, und Mexiko Stadt sehen wir in vielen globalen Auswertungen als eine der größten Streamingstädte."

Aber auch abseits der großen Genres gebe es spannende Entwicklungen. Zwar sei die Nutzerzahl von EDM und Dance auch in Frankreich höher, aber dennoch sorgen Künstler wie Gentleman und Patrice dafür, dass sich in Frankreich monatlich bis zu 80.000 Hörer für Reggae aus Deutschland interessieren, während Nils Frahm und andere Neoklassiker in UK auf monatlich zusammen rund 300.000 aktive Hörer kommen. Die zumindest teils deutschsprachigen Nachbarländer Österreich und die Schweiz schaffen es hingegen im Ranking der Nationen schon allein aufgrund der Bevölkerungsgröße nicht unter die Top Ten.

"Cheerleader" zuerst im Norden ein Hit

An einer Erfolgsgeschichte wie der von Felix Jaehn erläutert Heimer exemplarisch, wie ein Künstler im Streaming international Verbreitung findet: "Meist gibt ein Territorium den Anstoß." So war der "Cheerleader"-Remix von Felix Jaehn zuerst in Nordeuropa ein Hit:

"Von September bis November 2014 stammten fast 70 Prozent aller Streams des Titels aus Schweden." Im Frühjahr 2015 zog das GSA-Territorium nach, 21 Prozent aller Abrufe entfielen im April auf diese Region. Im Sommer legten die anglo-amerikanischen Märkte zu; ein Viertel aller Streams von Titeln von Felix Jaehn, darunter zu der Zeit auch schon "Ain't Nobody", kam im Juli aus den USA und UK. Für das Spotify-Team sei diese Entwicklung in Gesprächen mit den Rechteinhabern vor allem deshalb spannend, weil man über den nationalen Tellerrand hinaus denken könne. Während vor 20 Jahren noch jeder Musikmanager regional sein eigenes Süppchen habe kochen können, "muss heute im Streaming alles koordiniert und gleichzeitig passieren, das ist eine ganz neue Herausforderung".

In der Zusammenarbeit mit den Rechteinhabern gehe es meist darum, die Zahl der monatlichen Hörer eines Künstlers zu steigern. "Wir sprechen mit dem Label, hören uns an, was an Promotion- und Marketingmaßnahmen geplant ist, schauen, was wir an Potenzial für möglich halten, sprechen aber auch sehr viel mit unseren Kollegen im Ausland." Eine fixe Formel für Erfolge aber gebe es nicht. "Unser primäres Ziel ist es, dass möglichst viele Leute Spotify möglichst lang nutzen - das ist kein Geheimnis", sagt Heimer. Trotzdem sieht sie es auch als Auftrag für die Teams in den Bereichen Label Relations und Redaktion, Newcomer zu entdecken und Künstlern auch außerhalb des heimischen Territoriums zu der verdienten Aufmerksamkeit zu verhelfen.

Dabei setze das Spotify-Team "auf dateninformierte Entscheidungen", formuliert Heimer. Nicht allein die Daten geben demnach den Ausschlag, auch der menschliche Faktor spiele eine Rolle. "Wir setzen aber keinen Act mit der Brechstange durch, wenn die Daten dagegen sprechen."

Auf den nächsten Hit aus Deutschland möchte sich Heimer noch nicht festlegen: "Wir arbeiten derzeit weniger im Frontline- und Charts-Bereich als vielmehr an Themen wie LCAW, Hitimpulse oder Singer/Songwriter wie Fil Bo Riva, aber auch an Alvaro Soler, der für unsere lateinamerikanischen Märkte interessant ist." 2017 könnte zudem Milky Chance erneut international wichtig werden: "Milky Chance sind unser Unsung Hero aus dem Indie-Bereich, die hier mit Abstand die größten Exporterfolge erzielt und mit denen wir bereits sehr gut zusammengearbeitet haben."