Handel

Dossier Vinyl: Die Schallplatten drehen sich weiter

15.07.2016 17:39 • von Jonas Kiß
Ist nicht zu stoppen: Der Vinylboom (Bild: Fotolia)

"Auch im ersten Halbjahr setzt sich der positive Vinyltrend bei uns mit einem signifikanten Plus gegenüber dem ersten Halbjahr 2015 fort", sagt Hans-Otto Villwock, Head Of Catalogue Marketing Warner Music. Damit habe sich der Vinylanteil am physischen Umsatz des Majors in den vergangenen drei Jahren mittlerweile verdoppelt. "Maßgeblichen Anteil daran haben die Vinylveröffentlichungen von Udo Lindenberg, Red Hot Chili Peppers, Biffy Clyro, Motörhead, Coldplay und die zum Teil sehr aufwändig gestalteten Re-Issues von Pink Floyd, David Bowie, Phil Collins, Udo Lindenberg, Prince oder Muse."

Erstmals auf Vinyl erschienene Katalogprodukte wie zum Beispiel ,Bowie At The Beeb' oder die Vinylboxen von unter anderem Ray Charles, John Coltrane, David Bowie, Sisters Of Mercy oder den Faces würden den Erfolg komplettieren, so der Warner-Manager. "Der Vinylboom ist aus unserer Sicht auf absehbare Zeit stabil, langfristige Prognosen sind natürlich schwierig. Wir erwarten, dass sich dieser Boom auf dem heutigen Niveau einpegelt."

Für Manuel Amian, Geschäftsführer Cargo Records, gehört Vinyl "selbstverständlich" weiterhin zum Outfit bei Cargo. "Durch Kataloghinzunahmen, starke Neuheiten und Aktionen im Rahmen unserer ,Endlich18'-Feierlichkeiten haben wir die Zusammenarbeit mit dem Handel festigen können. Das weiterhin steigende Angebot im Markt bleibt bei Fertigungszeiten der Vertriebsware jedoch eine große Herausforderung."

Aber bei Cargo gebe es ein jahrelang eingespieltes Arbeiten mit den Presswerken. "Das zweite Halbjahr kann kommen", freut sich Amian, der jedoch auf ein größeres Dilemma verweist. Denn die gesteigerten Vinylverkäufe hätten allein 2015 das "magere Payout" von YouTube und ähnlichen Diensten übertroffen.

Auch Heiko Spaarmann, Head of Sales & VMI GoodToGo, betont, dass sich der Vinylbereich bei GoodToGo fortwährend sehr erfreulich entwickele. "Der Vinylumsatz des ersten Halbjahres 2016 steht im direkten Vergleich bei fast 20 Prozent Zuwachs zum Vergleichszeitraum. Damit erfährt dieses Segment sogar noch eine stärkere Umsatzsteigerung als im Vorjahr, als es bereits im Vergleich zu 2014 einen deutlich zweistelligen Zuwachs gegeben hatte." Vinylformate machen mittlerweile ziemlich genau 20 Prozent des gesamten physischen Umsatzes bei GoodToGo aus. Und der Zuwachs beschränke sich nicht auf einzelne starke Themen.

"Das Segment wächst in der Breite genau wie auch in der Tiefe. Unsere Vertriebslabels veröffentlichen mehr Titel auf Vinyl, von denen wir größtenteils auch höhere Stückzahlen absetzen können. Insbesondere herausragende Themen wie die Alben von Moderat oder Clutch, die wir international vertreiben, können fünfstellige Absatzzahlen verbuchen." Im nationalen Vertrieb stehen bei den Kölnern Alben von Wanda, Kamasi Washington, den Actic Monkeys und Joe Bonamassa oben auf der Liste der Verkaufshits.

"Während die Absätze im CD-Bereich in Stückzahlen leicht zurückgehen, sind wir in der komfortablen Lage, dies beim Umsatz durch die tendenziell etwas höherpreisigen Vinylformate mehr als nur zu kompensieren. Wir erreichen in diesem Segment zunehmend auch eine Zielgruppe, die ein Vinylregal im Wohnzimmer als ,kulturelles Statussymbol' versteht. Gleichzeitig haben sie ein Abo bei einem Streaminganbieter. Kauf und Konsum laufen hier auseinander."

Wegen dieser Entwicklung und der Tatsache, dass es weiter Zulauf bei den jüngeren Erstkäufern gebe, für die neben dem Konsum auch die Haptik eine Rolle spiele, sehe man bei GoodToGo "die weitere Entwicklung für das Vinylformat positiv." Verantwortungsbewusstsein sollten jedoch die Produktverantwortlichen zeigen, die den Boom im Vinylbereich "für ausufernde Gewinnspannen missbrauchen", mahnt Spaarmann. "So gibt es beispielsweise die Entwicklung, Wiederveröffentlichungen auf Vinyl ohne Bonusinhalte zu Verbraucherpreisen von weit über 20 Euro im Markt platzieren zu wollen. Dies macht jedoch der Handel jetzt schon nicht mehr vollumfänglich mit, und den Kunden wird dadurch schnell die Freude an Musik auf Vinyl verdorben."

Endpreise von über 20 Euro nehmen zu

So mancher neu gewonnene Vinylfreund werde sich bei ausufernden Preisen schnell überlegen, ob er das richtige Sammelobjekt ausgesucht habe und im schlimmsten Fall wieder abspringen. "Das sollten wir als Branche nicht riskieren. Wir haben es selber in der Hand." Sebastian Hornik, Corporate Communications Sony Music, führt aus, dass bei Sony Music das Vinylsegment überproportional stark gewachsen sei. "Die Vinylverkäufe von 'Blackstar' von David Bowie sowie die Veröffentlichungen zum 20-jährigen Jubiläum von Four Music haben dazu beigetragen, dass der Vinylumsatz um das Dreifache im Vergleich zum Gesamtmarkt zugelegt hat.

2016 hat Sony Music den Vinylumsatz im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum um 63 Prozent gesteigert." Optimistisch ist man auch bei Universal Music. "Der Vinylboom setzt sich in der ersten Jahreshälfte aus unserer Sicht ungebrochen mit einem Wachstum von mehr als 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr fort", unterstreicht Holger Wustlich, Senior Director Sales & Marketing Universal Music Deutschland. "Dies liegt insbesondere an überproportionalen Zuwächsen im stationären Handel, der das Format wieder zunehmend für sich und seine Sortimentsgestaltung entdeckt."

Auch Kai Seemann, Geschäftsführer Speakers Corner, ist mit der Entwicklung zufrieden: "Gegenüber dem Vorjahreszeitraum verzeichnen wir innerhalb Deutschlands einen Umsatzzuwachs von rund sechs Prozent, im Ausland einen Rückgang von rund fünf Prozent. Das sind normale Schwankungen, wir sind ja nun schon über zwanzig Jahre im Geschäft - wir bewegen uns also im ruhigen Fahrwasser." Das bekräftigen auch die Duplizierer. So resümiert David Jahnke, Geschäftsführer Duophonic: "Die Herstellungszahlen haben sich auf einem hohen Niveau eingependelt." Und Carsten Haupt, Geschäftsführer des ostdeutschen Vinylpresswerks Celebrate Records, betont, dass man auf ein positives erstes Halbjahr zurückschauen könne. Er ist sich sicher: "Der Vinylboom hält weiter an. Wir können bei allen Vinylformaten volle Auslastung bestätigen. Ab Herbst 2016 werden wir zusätzlich zwei neu entwickelte Pressautomaten in Betrieb nehmen, um auf das Weihnachtsgeschäft noch besser aufgestellt zu sein."

Auch Katja Kühn, Produktmanagerin Master & Servant Manufacturing, betreut im ersten Halbjahr etwa 25 Prozent mehr Produktionen als im Vergleichszeitraums des Vorjahres; wobei die absolute Menge der gefertigten Tonträger um gut 18 Prozent zunahm. "Dies lag bei uns zum einen an verkürzten Lieferzeiten für Standardprodukte. Zum anderen beobachten wir eine veränderte Veröffentlichungspolitik unserer Klienten: einige Indie-Labels sehen die Schallplatte wieder als ganz reguläres Format für physische Releases. Das verändert auch die Erwartungen der Käuferschaft für zukünftige Produkte. Junge Käufer sehen in der Schallplatte auch kein vorübergehend wiederbelebtes Format, sondern ein modernes, hippes Hightech-Medium. Die Schallplatte kann durchaus weitere Markteinteile erobern. Ich sehe momentan kein Ende des Booms."

Auslastung von mehr als 100 Prozent

Auf eine prägnante Formel bringt Sandra Fritzsch, Commercial & Administration Director MPO Audio & Video, die Lage am Markt. "Das erste Halbjahr 2016 hat sich im Sinne des vorangegangenen Jahres entwickelt - mit anderen Worten: fantastisch." Das französische MPO-Werk sei zu mehr als 100 Prozent ausgelastet - und das obwohl das Unternehmen Anfang des Jahres drei weitere Presslinien in Betrieb genommen habe und nach wie vor an sieben Tagen der Woche einen Drei-Schichten-Dienst fahre. "Die Nachfrage nach Vinyl bleibt ungebremst - eine Tatsache, die uns zufrieden in die Zukunft schauen lässt. Denn dieser Trend beflügelt auch unsere interne Druckerei." So würden MPO-Kunden ausgefallene Verpackungen für ihre Fan- und Special-Editionen suchen, die vor allem aufwän - dige Veredelungen beinhalten. "Die MPack, unsere Drucksparte, ist dafür genau der richtige Ansprechpartner mit ihrem Fokus auf spezielle und außer - gewöhnliche Verpackungen. Und unsere Kunden erhalten alles aus einer Hand."

Für Björn Bieber von Flight13 Duplication hat sich die Auftragslage im Vergleich zum Vorjahr nicht verändert. "Was sich geändert hat, sind die Produktionsabläufe. Es läuft nun doch langsam strukturierter: Die Presswerke können mit dem Ansturm umgehen, oder haben sich daran gewöhnt. Neue Maschinen tauchen am Horizont auf. Es tut sich was. Aber die Nachfrage ist immer noch die gleiche." Grit Schreiber, Prokuristin und Leitung Vertrieb & Marketing der optimal media, ist sehr zufrieden mit dem ersten sechs Monaten. "Das erste Halbjahr 2016 haben wir im Vinylbereich mit guten Umsätzen abgeschlossen. Für das Geschäftsjahr insgesamt, also von Oktober bis September, erwarten wir im Vergleich zum Vorjahr nochmals eine deutliche Steigerung der Produktionszahlen. Unsere Kapazitäten wurden voll ausgenutzt." Denn die Pressautomaten bei optimal - von den 7-Inch- über die 10-Inch- und 12-Inch-Pressen bis hin zu den Picturevinyl-Automaten - laufen alle rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche.

"Wir haben in allen Vinylfertigungsbereichen immens investiert, die Kapazitäten weiter ausgebaut und die Prozesse optimiert. Aktuell stehen wir kurz vor dem Abschluss der sehr umfangreichen Erweiterungsarbeiten in der Galvanik. Damit sind wir dann einmal mehr gewappnet für das kommende Geschäft." Bei optimal freue man sich über die zahlreichen Veröffentlichungen der Kunden; neben den gängigen Formaten habe man immer wieder auch aufwändige Boxsets und limitierte Editionen in Planung. "Vinyl ist und bleibt ein wichtiges Thema für uns." Und Silke Maurer, Inhaberin Handle With Care, fasst zusammen: "Das erste Halbjahr war ein Traum, wunderschöne Produkte von tollen Künstlern und eine sehr gute Auftragslage. Wir freuen uns, wenn es so weitergeht - heutzutage ist alles möglich. Vinyl lebt!"