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O-Ton Helen Smith und Christoph Ellinghaus: "Impala leistet unglaublich effektive Arbeit als Wirtschaftsverband"

20.11.2015 12:38 • von Jonas Kiß
Im Dienst der Independents: Christof Ellinghaus und Helen Smith (Bild: MusikWoche)

Wie beurteilen Sie die ersten 15 Jahre der Impala- Arbeit?

Helen Smith: Mit 15 Jahren ist eine Organisation wie die unsere noch sehr jung. Wenn ich mir unsere Agenda ansehe und auf die bereits erreichten Meilensteine zurückblicke, dann hat Impala als Wirtschaftsverband von Beginn an eine unglaublich effektive Arbeit geleistet. Das liegt natürlich vor allem am unermüdlichen Engagement unserer nationalen Mitgliedsorganisationen wie dem VUT.

Waren Sie von Beginn an bei Impala an Bord?

Helen Smith: Durch meine damalige Tätigkeit für den britischen Indieverband AIM war ich von Anfang an in den Aufbau von Impala involviert. 2003 wechselte ich dann nach Brüssel zu Impala.

Wie sieht es mit der Zahl der Mitarbeiter und Mitglieder aus?

Helen Smith: Die Zahl der Impala-Mitarbeiter variiert zwischen drei und vier, je nachdem, was gerade an Projekten anliegt. Impala vertritt europaweit inzwischen rund 4000 Mitgliedsfirmen.

Wie sieht es mit dem Budget aus?

Helen Smith: Die nationalen Indieorganisationen unterstützen uns mit Beiträgen, die sich an der Größe des Markts und der Wirtschaftskraft der Mitgliedsfirmen bemessen. Vor 15 Jahren ging es um den Platz im Plattenregal der großen Händler, heute um den durchschnittlichen Umsatz pro Nutzer.

Hat das die Aufgaben in der Impala-Verbandsarbeit verändert?

Helen Smith: Natürlich gibt es inzwischen andere Themen als noch vor 15 Jahren. Unsere Hauptaufgabe aber bleibt gleich: Es geht um den Wettbewerb, den Zugang zum Markt und die durch das gemeinsame Auftreten verbesserte Verhandlungsposition.

Was ist die wichtigste Errungenschaft bisher?

Christof Ellinghaus: Das ist für mich die Gründung von Merlin. Denn dieser Schritt hat die Voraussetzungen für alle unabhängigen Unternehmen, die der gemeinsamen Lizenzplattform beigetreten sind, massiv verändert. Merlin hat all die kleinen und mittelständischen Musikfirmen in die Lage versetzt, als eine Stimme mit den großen und den neuen Technologiekonzernen sprechen zu können. Nur so können wir klar machen, für welchen Marktanteil die Indies stehen, und dass wir gefälligst ernst genommen werden wollen. Das ist für mich mit Abstand die größte Errungenschaft und wichtigste Verbesserung, die Impala angestoßen hat.

Wird die Stimme von Impala denn in Brüssel auch wirklich gehört?

Helen Smith: Ja, auf jeden Fall.

Christof Ellinghaus: Das glaube ich ganz sicher. Wenn es heute um einen Merger oder eine Übernahme geht, kommen die Wettbewerbshüter der Europäischen Kommission tatsächlich zu Impala und stellen die richtigen Fragen zu möglichen Auswirkungen auf den Musikmarkt. Diesen Punkt erreicht zu haben, ist ein großer und wundervoller Erfolg für Impala.

War das schon von Anfang an so?

Helen Smith: Ja, durchaus. Einer der ersten Meilensteine in der Geschichte von Impala ist die Vereitelung des Mergers zwischen EMI und Warner Music im Jahr 2000/2001. Bis dahin hatten die Wettbewerbshüter in Brüssel die Stimme der unabhängigen Unternehmen nicht wahrgenommen. Sie wussten einfach nicht, dass es andere Meinungen zur fortschreitenden Konzentration im Musikgeschäft gab. Das war der erste wichtige Erfolg für Impala. Und genau dafür wurde der Verband ins Leben gerufen: Um diese Stimme zu Gehör zu bringen und gemeinsam Stärke zeigen zu können.

Wie haben Sie sich diese Position erarbeitet?

Helen Smith: Wer in Brüssel Gehör finden will, der sollte seine Argumente in einer einfachen und nachvollziehbaren Weise vortragen können, zugleich aber auch mit einer gewissen Leidenschaft für die Sache und einer grundsätzlich positiven Einstellung. Wir treten deshalb stets als große Optimisten auf. Das macht oft den Unterschied aus.

Woran lässt sich das ablesen?

Christof Ellinghaus: Den Erfolg sieht man zum Beispiel an der EMI-Übernahme durch Universal Music. Während die Regulierungsbehörden in den USA oder in Australien den Deal bereits durchgewinkt hatten, bestanden die europäischen Kartellwächter auf Auflagen - meiner Meinung nach vor allem aufgrund der von Impala vorgebrachten Bedenken.

Helen Smith: Bei diesen Auflagen ging es nicht bloß um irgendwelche Ausgliederungen. Vielmehr hat die EU durchgesetzt, dass Universal Music einen ganz erheblichen Marktanteil weiter veräußern musste und seine Verträge im Digitalbereich für zehn Jahre lang prüfen lassen muss.

Wie geht es voran mit den im Fall Warner/ Parlophone vereinbarten Maßnahmen?

Helen Smith: Das dauert leider sehr viel länger, als wir uns das vorgestellt hätten. Hier geht es aber immerhin auch darum, einen Marktanteil von rund zwei Prozent in den Independentsektor umzuschichten. Die Gespräche dazu befinden sich in einem fortgeschrittenen Stadium, bleiben aber sehr komplex.

Christof Ellinghaus: Dass es so lange dauert, liegt auch daran, dass nie zuvor etwas Vergleichbares in dieser Größenordnung versucht wurde. Schließlich geht das Thema weit über Europa hinaus: Unabhängige Unternehmer aus der ganzen Welt sind an dem Prozess beteiligt. Impala hat deshalb einen neutralen Vermittler - quasi als Business Angel - mit dem Thema betraut.

Diese Rolle hat der frühere IFPI-Chairman übernommen?

Christof Ellinghaus: Ja, wir haben John Kennedy mit dieser Aufgabe beauftragt.

Impala hat ihn beauftragt, nicht Warner Music?

Helen Smith: Ja, wir bezahlen ihn.

Christof Ellinghaus: Schlussendlich bleibt es aber die Entscheidung von Warner Music, mit welchen Interessenten sie verhandeln und an wen sie verkaufen. Impala wurde nach außen hin über lange Jahre von Wortführern wie Martin Mills oder Michel Lambot dominiert.

Sollte aber die offizielle Stimme der Indies nicht differenzierter ausfallen?

Christof Ellinghaus: Die großen unabhängigen Musikunternehmen und die nationalen Indieverbände Europas haben Impala ins Leben gerufen. Selbstverständlich finden sich in so einer Runde auch manche, die ihre Meinung lauter kundtun als andere. Oftmals vertreten diese Stimmen durchaus die Meinung der anderen Mitglieder.

Und so ist es meiner Ansicht nach auch hier: Impala ist keine Soloveranstaltung. Es geht nicht um Erfolge einzelner Personen, sondern um eine Erfolgsgeschichte für die gesamte unabhängige Musikwirtschaft. Manchmal braucht man dafür prominente Fürsprecher: Dabei ist es durchaus hilfreich, dass eine der weltgrößten Künstlerinnen ihre Alben auf dem Label von Martin Mills veröffentlicht und seine Gesprächspartner dann auch erfahren, dass eben dieser Mann hinter dem Erfolg von Adele steht.

Als also Martin Mills und Taylor Swift sich genau wie die Verbände der Independents vor dem Start von Apple Music zeitgleich kritisch zu Wort meldeten, haben die Apple-Manager schnell erkannt, dass sie ihren Dienst nicht ohne die Musik der beiden Künstlerinnen starten können, die in den drei letzten Jahren jeweils die weltweit bestverkauften Alben des Jahres gestellt hatten.

Können alle Impala-Vertreter so entschieden auftreten?

Helen Smith: Es gibt durchaus Unternehmer, die sich bei Fragen, die große Partner wie Apple, Amazon, YouTube oder Spotify betreffen, nicht öffentlich oder gar kritisch zu Wort melden wollen.

Christof Ellinghaus: Das ist wahr. Wenn man solche Konzerne kritisiert, muss man sich seiner Sache und seiner Position schon sehr sicher sein. Andernfalls gerät man schnell unter Druck, entlistet zu werden. Als ich vor ein paar Jahren erstmals vom VUT zu den Impala-Vorstandssitzungen entsandt wurde, habe ich schnell gemerkt, dass die kleine Musikverlegerin oder der Vertriebsmann ebenso viel zu sagen haben wie andere. Trotzdem reagieren natürlich die Medien eher, wenn sich Taylor Swift oder Adele zum Thema Streaming äußern, als wenn zum Beispiel The Notwist das täten.

Wie laufen Entscheidungsprozesse bei Impala ab?

Christof Ellinghaus: Als ich zum ersten Mal nach Brüssel reiste, war ich mir nicht sicher, ob ich jetzt nicht eine verschworene Herrenrunde treffen würde, die im stillen Kämmerlein miteinander Geschäfte macht. Aber das war keineswegs so. Ich habe vielmehr festgestellt, dass hier Geschäftsleute miteinander diskutieren, die die Nöte und Probleme im Markt kennen und verantwortungsvoll damit umgehen.

Helen Smith: Außerdem hat bei Entscheidungen jedes Impala-Mitglied seine Stimme. Man muss also bei Fragen, die einstimmig oder mit qualifizierten Mehrheiten entschieden werden müssen, ein gewisses Maß an Überzeugungsarbeit leisten. Hier kann niemand etwas durchdrücken, nur weil er einem größeren Unternehmen vorsteht.

Was ist ihre Rolle als VUT-Vorstandschef bei Impala-Treffen?

Christof Ellinghaus: Meine Hauptaufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Interessen unserer rund 1200 Mitglieder auch auf europäischer Ebene Gehör finden.

Was sind Ihre wichtigsten Punkte im Tagesgeschäft in Brüssel?

Helen Smith: Unsere Hauptaufgabe war und ist es noch immer, den Interessen der Branche das nötige Gewicht zu verleihen und zu erläutern, warum grundlegende Fragen wie die rund ums Urheberrecht für unsere Mitglieder, aber auch für die vielen Kreativschaffenden, von so immens großer Bedeutung sind. Es geht uns also darum, die Aufmerksamkeit und die Wertschätzung der Arbeit zu verbessern, die in der Branche von unseren Mitgliedern und vor allem von den Künstlern geleistet wird. Das geht am besten, wenn wir Geschichten erzählen - zum Beispiel mit unseren Impala Awards.

Was meinen Sie damit?

Helen Smith: Das Thema Urheberrecht ist komplex und schwierig. Zudem gibt es viele Player, die das Urheberrecht aus unternehmerischen Interessen untergraben. Wenn es uns aber gelingt zu zeigen, welche Bedeutung Musik hat, dann kann das den Unterschied ausmachen.

Meilensteine der Impala-Geschichte:

Am 10. Mai 2000 hoben Vertreter europäischer Independentlabels den Impala-Dachverband aus der Taufe. Zum ersten Chairman wählten die Gründungsmitglieder PIAS-Chef Michael Lambot. 2001 scheitert die Fusion von Warner Music und EMI Music unter anderem am Widerstand der unabhängigen Musikunternehmen, die im selben Jahr eine Lizenzvereinbarung mit Napster und im Jahr darauf mit iTunes schließen. 2004 machen die Impala-Mitglieder Front gegen den Zusammenschluss von Sony BMG und setzen sich 2006 mit ihrem Vorstoß vor dem Europäischen Gerichtshof durch. 2006 wirken die Impala-Aktivisten bei der Gründung von Merlin mit und loben 2011 erstmals den Independent Album Of The Year Award aus. 2012 steht im Zeichen der Übernahme von EMI Music durch Universal Music und von EMI Music Publishing durch ein Sony-Konsortium. Unter anderem muss Universal Music bedeutende Anteile von EMI Music weiterveräußern. Mit der Warner Music Group als Käufer der Parlophone-Sparte vereinbaren die Indies, dass der US-Konzern Repertoirepakete mit einem Weltmarktanteil von rund zwei Prozent an unabhängige Unternehmen abtritt.