Medien

Dossier Vinyl: Schallplattenboom dauert weiter an

20.11.2015 12:27 • von Jonas Kiß
Ungebremst: die Nachfrage nach Vinyl (Bild: Fotolia)

"Aufgrund von absolut unverhältnismäßigen Preissteigerungen im Vinylbereich ist der Umsatz zwar fast gleichbleibend auf hohem Niveau, allerdings verkaufen wir weniger Stückzahlen", klagt André Frahm, Geschäftsführer des Hamburger Plattenladens Michelle Records, im Gespräch mit MusikWoche. Er weiß: "Der Musikfan hat keine Lust, für eine Platte mehr als 20 bis 25 Euro auszugeben und fühlt sich veräppelt." Deswegen warnt Frahm, dass "völlig irrsinnige Rabattaktionen der üblichen Elektromarktketten und Online-Datenkraken ein völlig falsches Signal in den Markt" geben. All dies würde "auch noch den letzten gesunden Bereich im Tonträgerhandel ruinieren", fürchtet der Händler.

"Angesichts der fehlenden Kapazität bei den Presswerken und daraus resultierenden Lieferschwierigkeiten - gerade bei Neuheiten - wird viel zu viel Potenzial verschenkt." Auch für die Plattenfirmen findet Frahm deutliche Worte: "Einige Labels agieren viel zu kurzsichtig mit ihrer Preistreiberei. Im kommenden Jahr wird sich der Markt wegen der Produktknappheit und zu hohen Preisen sehr wahrscheinlich zurückentwickeln." Zum Record Store Day 2016 werde sich angesichts der daran gekoppelten Preispolitik entscheiden, ob "ungezügelte Raffgier seitens der Labels" dazu führt, dass "der sogenannte Hype" vorbei ist, die Kunden sich "enttäuscht und gefrustet" abwenden vom Vinylformat oder ob es "zumindest auf stabilem Niveau weiter geht".

Aus Sicht der Duplizierer ist 2015 hingegen ein gutes Jahr, sagt Sandra Fritzsch, Commercial & Administration Director MPO Audio & Video, wobei auch sie Probleme mit der Kapazitätsüberlastung einräumt: "Die MPO Gruppe freut sich über ein fantastisches Vinyljahr 2015. Die Nachfrage nach dem schwarzen Gold ist unverändert stark und übersteigt bedauerlicherweise auch die Kapazitäten." Das führe wie überall zu langen Lieferzeiten und sei somit der weniger erfreuliche Aspekt des Vinylbooms. "Doch unsere Kunden wissen um die Situation und planen inzwischen ihre Releases entsprechend der Fertigungszeit."

Spannend für MPO sei zudem, dass neben hohen Auflagen auch immer mehr Collector- und Fan-Editionen gefertigt würden. Damit profitiere die MPO-eigene Druckereisparte MPack zeitgleich vom Vinylboom.

Es entstehen wieder neue Presswerke

Auch bei der drängenden Problematik der Aus- und Überlastung der wenigen Vinylpresswerke sieht Fritzsch langfristig eine Lösung am Horizont: "Alle Presswerke versuchen derzeit, ihre Kapazitäten auszubauen, und einige Presswerke haben oder planen bereits, die längst eingestellte Vinylfertigung wieder aufzunehmen." MPO selbst hat 2014 vier neue Pressautomaten in Betrieb genommen und plant für das kommende Frühjahr mindestens vier weitere Pressen. "Die Branche versucht damit, den zu erwartenden Zuwächsen gerecht zu werden. Ob dies ausreichend wird, bleibt abzuwarten."

Ähnlich zwiespältig beurteilt Matthias "Botsch" Böttcher, Director Sales & Repertoire Development GoodToGo, die Entwicklung im Vinylgeschäft: "2015 ist für Rough Trade/Groove Attack/GoodToGo wiederum ein sehr gutes Vinyljahr, wir werden etwa eine dreiviertel Million Schallplatten verkaufen. Es ist für uns also ein Multimillionen-Euro-Business , auch wenn wir dieses Jahr in dem Segment aufgrund der extrem langen Fertigungszeiten nur im einstelligen Prozentbereich wachsen werden."

Der passionierte Vinylliebhaber nennt zudem Zahlen zu den zu langen Produktionszeiten, auch wenn die GoodToGo-Firmengruppe darunter nur zum Teil leidet, betont er: "Immerhin liegen wir dank unserer exzellenten Geschäftsbeziehung zu optimal aktuell bei einer Fertigungszeit von etwa sechs Wochen - der Durchschnitt im Markt bewegt sich wohl eher bei zehn bis zwölf Wochen."

Matthias Böttcher mahnt allerdings: "Zuwächse für 2016 werden nur dann relevant möglich sein, wenn endlich neue Vinyl- Fertigungskapazitäten aufgebaut werden, das Potenzial ist ausdrücklich da." Das unterstreicht auch Katja Kühn, Produktmanagerin bei Master & Servant Manufacturing: "Bezogen auf das Vinylsegment wird 2015 unser bestes Jahr. Rückenwind erhielten wir durch die unverminderte Nachfrage und unsere relativ gute Lieferfähigkeit."

Das Hamburger Unternehmen, das unter anderem Audiomastering sowie die Herstellung von CD, DVD und Vinyl anbietet, reagiert mit einem neuen Arbeitsmodell auf den "stockenden Fluss" im Presswerk: So bringe sich Master & Servant früher als bisher in die Projektplanung der Kunden ein und synchronisiere, wo dies möglich sei, den Veröffentlichungsplan mit der Fertigung. "Die nötigen Zuarbeiten und problemanfälligen Bereiche verlagern wir ins Vorfeld. So vermeiden wir potenzielle Unterbrechungen im Werk, schonen dort die Kapazitäten und ermöglichen zusätzliche Slots."

Begrenzte Zuwächse sind möglich

Kühn hält "begrenzte Zuwächse" im Vinylbereich für möglich. Sie begründet dies damit, dass einzelne Presswerke weiterhin Möglichkeiten gefunden hätten, die mechanischen Kapazitäten zu erhöhen. Und auch die Neuordnung von Abläufen schaffe weiteren Spielraum. "In unserem Set-up ist die Galvanik das erste Nadelöhr, das es zu passieren gilt. Hier wird unser Industriepartner im neuen Jahr ordentlich aufrüsten." Ein anderes Beispiel sei das angepasste Qualitätsmanagement, das bei Master & Servant die Testpressung verzichtbar mache. Das wiederum verkürze die Lieferzeit und erhöhe den Maschinendurchsatz. Denn Testpressungen würden enorm aufhalten, klagt die Produktmanagerin.

"Wir beobachten einen zunehmenden Trend hin zu wertvolleren Produkten: Tonträger in besonderen Konfigurationen oder aufwendigen Verpackungen. Selbst bei stagnierenden Stückzahlen könnte der Wert aller hergestellten Waren noch steigen." Positiv sei auch, dass in den besonders geforderten Bereichen Druck und Konfektionierung eher keine strukturellen Engpässe bestehen. Dies untermauert auch Carsten Haupt, Geschäftsführer des ostdeutschen Presswerks Celebrate Records.

Das in Stollberg beheimatete Unternehmen konnte bislang im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 35 Prozent mehr Vinyl pressen. Diese Zuwächse erstrecken sich über alle Formate - also 7-Inch, 10-Inch, 12-Inch und Picture Vinyl. Optimistisch sieht Haupt die Entwicklung in diesem Segment: "Mit der Kapazitätsauslastung haben wir uns dieses Jahr neu ausgerichtet und Personal in den Bereichen Mastering, Galvanik, Presserei, Druckerei und Konfektion eingestellt."

Deswegen könne Celebrate nun im Dreischichtsystem und am Wochenende produzieren, wodurch sich die Lieferzeiten "extrem verkürzen" würden. Davon profitiert auch Kai Seemann, Geschäftsführer des Vinyllabels Speakers Corner. "Bei der Umsatzentwicklung 2015 konnten wir fast auf den Euro genau die gleichen Zahlen schreiben wie 2014 - mit leicht positiver Tendenz."

Baut sich eine Vinylblase auf?

Speakers Corner sei nun seit gut 20 Jahren im Geschäft, die Entwicklung bewege sich für das Unternehmen im gewohnten Rahmen. "Tatsächlich sind wir froh, unsere Zahlen halten zu können. Der Vinylmarkt wächst zwar, kein Zweifel, das Angebot wächst aber überproportional. Hier baut sich eine Blase auf, und deren Platzen sehe ich mit Sorge." Seemann geht davon aus, dass 2016 einige kleinere, spezialisierte Händler aufgeben werden, weil "das Riesenangebot" nur noch von den Großanbietern zu handhaben sei. "Und uns als Qualitätsanbieter stört naturgemäß, dass überwiegend mäßig produziertes Vinyl auf dem Markt ist - der Kunde also nicht das bekommt, was er eigentlich erwartet. Wie sich das dann im Kaufverhalten auswirken wirkt, darüber kann man nur spekulieren."

Ambivalent blickt auch Björn Bieber von Flight13 Duplication in die Zukunft: "Das Jahr 2015 war sehr anstrengend für uns und hat die Veränderungen gebracht, die wir erwartet hatten: Es wird zunehmend schwerer für unsere Subkultur, Schallplatten zu bekommen." Bestimmte Kombinationen einer Bestellung seien nicht mehr möglich, und die Lieferzeit verlängere sich ständig.

"Bei uns sind keine Zuwächse mehr möglich. Vielleicht noch minimal in den 100er-Auflagen, weil wir darauf spezialisiert sind. Aber alles andere ist am Limit. An dem Tag, an dem dieser Hype vorbei ist, werde ich erstmal eine Flasche Schampus aufmachen und alle, die das jahrelang hier ertragen haben, zum Essen einladen."

Ähnlich bilderreich formuliert Michael Schuster, Geschäftsführer Cargo Records: "2015 war wohl das Jahr, in dem das Thema Vinyl endgültig Omnipräsenz eingefordert hat - nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch in unseren Diskussionen über Nischen, Märkte und Presswerkkapazitäten. Wenn sich in bestimmten Ländern schon früh morgens Schlangen bilden, weil ein auch in Deutschland bekannter Supermarkt-Discounter eine kleine Auswahl an Schallplatten zum Sonderpreis anbietet, muss man sich natürlich fragen, ob wir das so gewollt haben, als wir uns jahrelang nicht davon abbringen ließen, die nostalgische Haptik der Schallplatte zu preisen."

Auch er kenne den Begriff Vinylblase und die einhergehende Befürchtung, dass diese bald platzen könnte. "Wir wissen aber auch, dass wir in jedem Fall auch danach noch immer Menschen erreichen werden, denen die Schallplatte - genauso wie uns - weiterhin am Herzen liegt. Letztendlich scheint es in der Natur dieser Branche zu liegen, sich in regelmäßigen Abständen neu zu erfinden. Dazu gehört in den meisten Fällen eben auch die vorherige Betätigung des Reset-Knopfes. Es hätte doch auch niemand daran gedacht, dass man sich einmal seinen Streamingdienst im Discounter kaufen kann." Kürzer umschreibt Raik Hölzel, Web & Social Media Handle With Care, die Vinylzukunft: "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg."