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Reeperbahn Festival: Hoch hinauf zum Jubiläum

04.09.2015 17:01 • von Dietmar Schwenger
Hier geht es ab dem 23. September wieder über die Bühne: das Reeperbahn Festival in St. Pauli (Bild: MusikWoche)

"Wir fühlen uns schon ein wenig etabliert", sagt Alexander Schulz, einer der beiden Geschäftsführer des Reeperbahn Festivals. Was 2006 als Clubfestival in St. Pauli begann, hat sich zum auch international viel beachteten Treffpunkt der Musik- und Kreativbranche entwickelt. Und in diesem Jahr feiert es bereits zehnjähriges Jubiläum. Dabei war es nicht leicht, sich gegen deutsche und ausländische Events zu behaupten, so Schulz. Doch inzwischen habe man im "internationalen Konzert der Veranstaltungen" die eigene Position gefunden.

"Menschen, die weltweit diese Art von Events besuchen, wissen inzwischen, was wir machen, wie unser Format aussieht, wo die Vor- oder auch die Nachteile liegen." Der Reeperbahn-Besucher weiß, ob die Veranstaltung richtig sei für sein spezielles Konzerterlebnis, für seinen speziellen Markt. "Das Reeperbahn Festival ist keine Veranstaltung mehr, die man einfach mal ausprobiert. Die Leute entscheiden sich ganz bewusst für oder gegen uns." Schulz hat Respekt vor anderen Events, die schon seit 30 Jahren am Markt sind, "aber mit zehn Jahren sollte man es geschafft haben, sich ein eigenständiges Profil erarbeiten zu haben. Und das ist uns gelungen."

Auch dieses Jahr scheint das dem Reeperbahn Festival wieder zu glücken. So lagen die Anmeldungen bei Redaktionsschluss bereits über den Registrierungen zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahrs. Das liege auch an der Partnerschaft mit der Digitalkonferenz Next, wie der zweite Geschäftsführer Detlef Schwarte ausführt: "Da jeder Next-Teilnehmer auch eine Akkreditierung für das Reeperbahn Festival und den Konferenzteil erhält, dürfen wir in diesem Jahr mit deutlich mehr Fachbesuchern rechnen." Er weist darauf hin, dass die Next-Delegierten auch in der Reeperbahn-Datenbank gelistet sind, so dass sich die Besucher des Reeperbahn Festivals und der Next-Konferenz untereinander vernetzen könnten.

Andererseits fiel 2014 die Zuwachsrate bei den Fachbesuchern nicht mehr so üppig aus wie in den Vorjahren. Schwarte glaubt aber nicht, dass das Reeperbahn Festival seine gesamte Zielgruppe ausgeschöpft hat. "Dahinter steckt letztlich die Frage, wie viele Musikwirtschaftsvertreter es überhaupt noch auf diesem Planeten gibt, die sich solche Reisen leisten können. Ich denke, dass sind noch sehr viele." Er nennt als Beispiel die SXSW in Austin, die bis zu 30.000 Fachbesucher anlockt. Diese Größenordnungen werde die Reeperbahn "sicherlich nie" erreichen.

"Aber wenn man sich in Europa umschaut und nur den Livebereich heranzieht, so kamen zu Eurosonic Noorderslag in Groningen in diesem Jahr knapp 4000 Fachbesucher. Und zur Midem nach Cannes fuhren im Juni 5000 Delegierte - überwiegend aus den Bereichen Publishing und Recorded. Die Addition beider Werte ist vermutlich die langfristig zu erreichende Obergrenze für Fachbesucher."

Das Reeperbahn Festival hingegen sei anders entstanden und richte sich auch an semiprofessionelle Besucher, fügt Schwarte an. Damit meint er Menschen, die an der Schnittstelle zum professionellen Musikgeschäft arbeiten. "Von diesem Typus gibt es immer mehr; auch in den nächsten Jahren wird diese Art von Besucher, der nur im Nebenberuf in der Musikwirtschaft tätig oder nebenbei Musiker ist, weiter zunehmen."

Das Reeperbahn Festival war zunächst als Publikumsveranstaltung gestartet, doch von Anfang an hätte man die Option im Hinterkopf gehabt, daraus auch eine Veranstaltung für das Fachpublikum zu entwickeln, erinnert sich Schulz. "Zudem haben wir schon in den ersten Jahren festgestellt, dass sich zumindest aus dem Teilmarkt Live Entertainment sehr viele Vertreter auf der Reeperbahn tummel- ten. Da lag es nahe, den Gedanken aus dem Hinter- kopf umzusetzen und für die Branchenbesucher, die eh schon zu uns kamen, auch Programm anzubieten."

Den Reeperbahn-Machern sei darüber hinaus entgegen gekommen, dass bei der damals noch existierenden Popkomm der Livebereich so gut wie keine Rolle gespielt habe. "Gleichzeitig verschob sich in den Jahren, als wir mit dem Reeperbahn Festival anfingen, der Fokus in der gesamten Branche von Recorded Music hin zu Live Entertainment als wichtiger werdenden Ertragsquelle für Künstler. Diese Faktoren haben dazu beigetragen, dass die Erweiterung des Reeperbahn Festivals um den Fachbesucherbereich eine gute Entwicklung nahm."

Für Schwarte "war und ist" die Stärke des Reeperbahn Festivals, dass man auf die Bedürfnisse der Branche eingehen und sie häufig auch erfüllen könne. "Wir müssen nicht etwas darstellen oder produzieren, was uns von anderer Stelle vorgegeben wird. Es gab in den vergangenen zehn Jahren etliche Entscheidungen, Programmelemente hinzunehmen oder auch wieder wegzulassen."

Als Veranstalter hätten sie sich stets gefragt, ob dieser oder jener Aspekt das Richtige für die Zielgruppe sei. "Die Nähe zum normalen Fan wie auch zu den Repräsentanten der Branche hat letztlich die Stärke unseres Formats ausgemacht und uns dahin geführt, wo wir in den Augen unserer Gäste nun stehen", betont Schwarte. Zudem sei es im Wettbewerb der Branchenveranstaltungen ein großer Vorteil gewesen, dass das Reeperbahn Festival ein frei am Markt operierendes Unternehmen sei.

"Wir haben erst Unterstützung aus der Öffentlichen Hand erhalten, nachdem alles konzeptioniert war und Stadtmarketing, Kulturverwaltung und die Politik auf Landesebene erkannt haben, dass dieses Festival, so es denn funktioniert, auch helfen kann, das Erreichen ihren jeweiligen Ziele mit zu befördern." Das sei immer eine bessere Ausgangslage, als wenn ein Exportbüro Geld an die Hand bekommt, um dann mit einer Veranstaltung nationales Musikprodukt zu exportieren.

"Das war bei uns völlig anders. Wir wollten - wie schon bei anderen Projekten, die wir als Agentur Inferno in Angriff genommen haben - einfach schauen, ob diese Idee sich hier auf der Reeperbahn in die Tat umsetzen lässt. Daraus ergab sich alles andere." Und noch heute habe man die Freiheit, Entscheidungen so oder anders zu fällen. "Denn letztlich sind wir wirtschaftlich für das Festival verantwortlich."

Auf die Frage, ob es denn langfristige Förderzusagen für das Festival gebe, antwortet Schulz diplomatisch: "Ja und nein." Zwar gebe es beim Bund einen fixen Haushaltstitel für die Hamburger Veranstaltung, aber auf Landesebene gelte die Förderung immer nur für das laufende Jahr. "Aber da die Zusammenarbeit mit dem Land Hamburg mittlerweile so eng ist, kann ich mir derzeit nicht vorstellen, dass diese irgendwann eingefroren wird." Allerdings sei die Höhe der Fördermittel für das Event seit einigen Jahren unverändert - bei einem immer größer werdenden Umfang der Veranstaltung. "Das bedeutet, dass die Zuschussanteile jährlich geringer werden."