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Vinylmarkt 2015: Vinylstapel wachsen weiter in die Höhe

18.07.2015 17:43 • von Dietmar Schwenger
Bleibt im Aufschwung: Vinyl (Bild: Fotolia)

"Ich glaube zumindest für die nächsten zwei, drei Jahre an weiterhin gute Geschäfte mit der Schallplatte", sagt Katja Kühn, Produktmanagerin Master & Servant Manufacturing, im Gespräch mit MusikWoche. Der Boom werde sogar "vermutlich viel länger" anhalten. "Nichts spricht momentan dagegen. Es zeigt sich, dass der Vinylboom kein Strohfeuer war." Allerdings, so warnt sie, werde der Markt für Vinylschallplatten "gedeckelt", und zwar nicht durch die Konsumentennachfrage, sondern durch die begrenzten Fertigungskapazitäten. "Wir erleben es regelmäßig, dass auf eine Vinylvariante nur deshalb verzichtet wird, weil die Lieferzeit mit dem engen Release-Schedule kollidiert. Andererseits haben sich einige unserer Labelkunden sehr gut auf die Bedingungen eingestellt und gehen ihre Projekte nun routinemäßig mit entspannten Vorlaufzeiten an."

Dem Produkt schade es sicher nicht, denn längere Vorlaufzeiten brächten "im Nebeneffekt" mehr Ruhe und Bewusstheit in die Prozesse. "Ich beobachte, dass insbesondere auch viele Debütalben als Vinylversion fabriziert werden." Denn für Newcomer sei die Vinylscheibe ein exzellentes Aushängeschild. "Insgesamt trägt das Revival der Schallplatte dazu bei, dass der physische Tonträger als solcher wieder zunehmend als hochwertiges Produkt wahrgenommen wird."

Auch Sandra Fritzsch, Commercial & Administration Director bei MPO, ist äußert optimistisch: "Wir glauben ganz fest, dass der Boom noch anhält. Dies schlussfolgern wir anhand der Rückmeldungen unserer Kunden." So würden Label für 2016 Zuwächse in sehr unterschiedlichen Ausmaßen sehen - man spricht von 15 bis 30 Prozent. "Vermutlich wird sich der Zuwachs irgendwo dazwischen befinden. Die Majors bringen einen Großteil ihres Backkatalogs - insbesondere Titel, die es bisher noch gar nicht auf Vinyl gegeben hat - in den folgenden Monaten auf den Markt. Allein das wird zu weiteren Zuwächsen führen." Der Vinylmarkt sei in den vergangenen drei Jahren unter anderem durch die Neupressungen der Archivtitel der Majors beflügelt worden, führt Fritsch aus.

"Endkonsumenten aller Generationen haben dadurch das Vinyl erst wieder entdeckt, so dass auf diesem Wege auch Titel weniger namhafter und natürlich auch bekannter Künstler der Indielabels nachgefragt werden." Auch der Trend, dass manche Labels Alben nur noch auf Vinyl herausbringen - in der Regel in Kombination mit einer Downloadcard -, setze sich fort. "Uns als Hersteller des ,schwarzen Goldes' freut diese Entwicklung sehr, zumal viele Vinyltitel als Fan- oder Special-Editionen auf den Markt kommen. Das hat gleichzeitig einen positiven Effekt auf unsere Druckereisparte MPack."

Auch Jule Völkel, Senior Sales Manager/Teamleitung Kundenservice international bei optimal media, ist ähnlich zuversichtlich, warnt aber vor zuviel Optimismus: "Mit Sicherheit muss man nach wie vor von einem Hoch sprechen, und ein Abklingen der immensen Nachfrage im Vinylbereich scheint auch noch lange nicht in Sicht." Trotzdem sei ein gewisser Rückgang anzunehmen, zumal sich nach wie vor viele Boxsets und Reissues altbekannter Klassiker unter den Bestsellern tummeln würden. "Dieses Repertoire ist nicht unendlich und auch nicht unzählig wiederholbar. Trotzdem beobachten wir natürlich die steigenden Auflagen auch bei neuen Veröffentlichungen und vor allem die Vielzahl der Releases, die auf Vinyl erscheinen."

Für die Vinylexpertin des zur Edel-Gruppe gehörenden Unternehmens bleibt vor allem spannend, ob die Entwicklung "einen konstanten Output von Neuveröffentlichungen und eine ebenso treue Käuferschaft aufzeigt". Bei optimal media sei man indes zuversichtlich, dass der Vinylmarkt für eine derartige Annahme die besten Voraussetzungen mitbringe: "Denn für alle Musikfans, die ihre Leidenschaft anfassen und besonders genießen möchten, ist Vinyl entweder schon lange Thema oder ein neues spannendes Terrain." Vinyl umfasse inzwischen alle Musikgenres und Altersklassen. Die Schallplatte sei kein flüchtiger Erwerb und habe daher beste Chancen, sich sehr nachhaltig auf hohem Niveau weiterzudrehen. "Natürlich vergessen wir nicht, dass Vinyl in der Nische der ambitionierten Musikkäufer zuhause ist. Innerhalb des physischen Datenträgermarktes wird die Vinylnische an Bedeutung dazugewinnen."

Auch ihr Kollege Andreas Kohl, Senior Sales Manager bei dem in Röbel/Müritz beheimateten Duplizierer, geht davon aus, dass das Vinylgeschäft "noch ein klein wenig Luft nach oben hat, und dass wir Ende 2015 eine weitere Steigerung verbuchen werden." Er weist zudem darauf hin, dass im internationalen Maßstab die Absatzzahlen noch stärker gewachsen als in Deutschland. "Was jedoch alles in allem offensichtlich ist und mich sowohl aus betriebswirtschaftlichen Gründen wie auch als Fan freut: Aus dem Hype wurde ein Trend, der anhält."

Für Kohl steht unumstößlich fest, dass man es beim Vinylboom nicht mit einem kurzfristigen Modephänomen zu tun habe, sondern mit einer langfristigen Geschichte: "Die Schallplatte ist wieder da und sie wird uns erhalten bleiben - als Nischenprodukt, als Medium und auch ein ganzes Stück weit als Lifestyle-Produkt." Aber auch Kohl will den Vinylboom nicht überbewerten. "Eines sollte uns klar sein", mahnt er, "auch wenn wir auf zwei Millionen verkaufte Einheiten zusteuern, ist es keineswegs so, dass Vinyl der Rettungsanker für ein Geschäft ist. Es ist ein Boom des Formats, aber nicht der Branche." Denn dafür bräuchte man Steigerungsraten, die dann "wirklich absolut jenseits aller Kapazitäten liegen".

Das Vinylgeschäft sei ganz klar ein Überlebensmodell für den Independent-Sektor, für Nischenmusik und ein Garant für Vielfalt. "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lässt sich keine Aussage treffen, ob quantitativ ein Höhepunkt erreicht oder überschritten wurde. Ein Teil der Auflagen speist sich aus Katalogauswertungen, die in absehbarer Zukunft wieder weniger werden dürften."

Das Format als solches erfahre eine Akzeptanz, die für konstante Verkaufszahlen auch bei Neuveröffentlichungen sorgen werde. Die Zeichen stünden definitiv auf weitere Diversifizierung bei Verpackung und Sonderauflagen. "Für viele Labels ist gerade die LP-Veröffentlichung in verschiedenen Editionen, Farben und Verpackungen mittlerweile ein Geschäftsmodell und es ist zu erwarten, dass hier auch noch einmal kräftig zugelegt werden wird."

Björn Bieber, Geschäftsführer Flight13 Duplication, beklagt, dass die Majors die Tonträger der Subkulturen dadurch blockieren, dass sie deren Presskapazitäten belegen. "Auch wir lehnen im Moment 20 bis 30 Prozent aller Anfragen mangels Kapazitäten ab - und das obwohl wir ein eigenes Presswerk haben." Der Höhepunkt im Vinylmarkt sei allein deswegen erreicht, weil die Kapazitäten ausgeschöpft seien. Es ändere sich also nur noch die Verteilung dieser Kapazitäten. "Von daher ist das alles eine Entwicklung, die uns in der Subkultur nicht zugute kommt. Sie schadet uns, die wir immer Vinyl gepresst haben und dieses Format am Leben gehalten haben." Ob der Höhepunkt erreicht sei, hängt für Martin Sukale, Geschäftsführer Ameise Vinyl, vom jeweiligen Genre ab.

"Der Underground bleibt stabil und innovativ, was Vinyl aber auch neue Medien angeht. Der sogenannte Hype, wie er allen Orts beschrieben wird, führt zu einem mittelfristigen Anstieg, bis die Blase platzt und sich der durchschnittliche Konsument gelangweilt einem neuen Thema widmet. Jede weitere Publikation zu dem Thema wird diesen Effekt auf lange Sicht nur verstärken - auch wenn es eventuell ernst gemeintes Interesse ist."

Jürgen Schattner, Inhaber Rookie Records, fügt an, dass seit Bestehen des Labels Vinyl eine feste Größe im Sortiment war. Daran habe sich nichts ge ändert und daran werde sich wohl auch auf absehbare Zeit nichts ändern. Statt Prognosen abzugeben, wie sich der Markt für die letzten drei Majors entwickelt, konzentriere man sich bei Rookie deshalb lieber darauf, Vinyl zu veröffentlichen. Allein in diesem Jahr erscheinen noch vier neue Alben - mitunter auch auf CD. Aber Schattner weiß: "Vinyl is forever."