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Konvergenzen und Konversationen auf der Midem 2014

Leicht rückläufige Teilnehmerzahlen, aber wachsendes Selbstbewusstsein: Das Programm der diesjährigen Midem war vielfältig wie schon lange nicht mehr, doch ein bisschen fehlte noch der Fokus.

11.02.2014 13:16 • von Manfred Gillig
Livemusik in der Messehalle: Das Partnerland Brasilien machte zum Auftakt Stimmung (Bild: MusikWoche)

Leicht rückläufige Teilnehmerzahlen, aber wachsendes Selbstbewusstsein: Das Programm der diesjährigen Midem war vielfältig wie schon lange nicht mehr, doch ein bisschen fehlte noch der Fokus.

Zu Patentrezepten für den Erfolg gehört, dass niemand garantiert, ob sie auch wirken. Auch Radiohead-Manager Brian Message brachte guten Rat für aufstrebende Musiker zur Midem mit. Im Interview fürs Programmheft fasste er zusammen, auf was es ankommt: "Sei mutig, kreativ, engagiert. Ergreife die Chancen. Sei allzeit bereit, dich neu zu erfinden. Mach dir klar, dass es lang dauert, eine Karriere aufzubauen. Sei dir bewusst, dass es unabdingbar ist, ein fähiges Team zu haben - vor allem wenn es um die visuelle Umsetzung geht, denn wir leben in einer unglaublich visuell geprägten Welt. Arbeite härter, als du es jemals für möglich gehalten hättest." Und was dann? "Und irgendwann einmal wirst du es schaffen."

Kurz und bündig heißt das wohl: "Harte Arbeit alleine reicht nicht aus, man muss auch einfach Glück haben." Alles Schuften und Streben kann also für die Katz sein, wenn der Zufallsgenerator des Schicksals nicht mitspielt. Paul Zilk, Chairman und CEO Reed Midem Organisation, zitierte seinerseits beim traditionellen Midem-Dinner die Monkees: Deren Oldie "I'm A Believer" passe auch als Midem-Motto.

Wer Songs von den Monkees oder Ratschläge wie den von Brian Message motivierend findet, für den bot auch die diesjährige Midem wieder jede Menge Keynotes und Diskussionsrunden mit einer Vielfalt von Visionen, mit scharfsinnigen Analysen und unterhaltsamen Präsentationen. Der Kongressteil, der unter der Headline "Midem Talks" lief und sich nicht mehr wie in den Vorjahren am "Visionary Monday" auf einen Tag konzentrierte, zog denn auch viel Publikum an. Und es ist ja auch immer wieder anregend, klugen Köpfen beim Reden zuzuhören, selbst wenn sie in manchen Fällen halt doch nur das erzählen, was sie schon auf fünf anderen Kongressen elaboriert haben.

Aber das stört niemanden, denn die übergroße Mehrheit des Publikums reist wohl kaum von einem Branchenmeeting zum nächsten, um sich alle Diskussionen über Streamingdienste oder das nächste Businessmodell fürs 21. Jahrhundert reinzuziehen. Und im internationalen Vergleich schneidet die Midem allemal hervorragend ab, was Themen und Teilnehmer der Gesprächsrunden betrifft. So traten Künstler wie will.i.am, Rita Ora und Jean Michel Jarre als Redner ans Mikrofon.

Aber auch internationale Branchengrößen sprachen ...

Und Brian Message saß mit Napster-Europachef Thorsten Schliesche und Deezer-CEO Axel Dauchez sowie mit Mandar Thakur vom indischen Anbieter Times Music und mit Eddy Maroun vom libanesischen Unternehmen Anghami auf dem Podium, um über die Frage zu plaudern, ob Streaming eine nachhaltige Plattform für Künstler sein könne. Message sagte zum Beispiel: "Streaming hat vielleicht im Hinblick auf Umsätze noch nicht die Bedeutung, die es bei weiter wachsender Nutzung einmal bekommen kann; es spielt aber bereits heute eine große Rolle bei der Pflege der Beziehung zwischen Künstler und Fan." Arbeite hart und sei mutig, irgendwann kommt das Glück auch zu dir …

Olivier François, Chief Marketing Officer und Fiat-Markenchef im Chrysler-Autokonzern, hingegen begeisterte mit einem ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen State-of-the-Art-Vortrag über Musik in Werbekampagnen für Autos. Und Lyor Cohen durfte sein neues Label "300" vorstellen, dessen Name an die Schlacht bei den Thermopylen anno 480 vor Christus erinnert, als 300 Spartaner zusammen mit 4000 Griechen dem zahlenmäßig weit überlegenen persischen Heer zu schaffen machten; das historische Vorbild inspirierte bereits den stramm konservativen US-Zeichner Frank Miller zu einem Comic, und dieser wiederum wurde verfilmt.

Nun also Cohen, der sagt: "Diese Schlacht veränderte die Art der Kriegsführung. Die Spartaner erkannten, dass sich mit weniger Einsatz sehr viel mehr erreichen lässt, wenn man strategisch und loyal gut aufeinander abgestimmt ist und dazu gründlich plant und sich vorbereitet. So wird man höchst effizient." Womit Cohen einerseits fast wie ein US-amerikanischer Weltpolizist beim Plädoyer für den Einsatz unbemannter Drohnen daherredet, andererseits aber auch recht gut den Wandel in der internationalen Musikbranche beschreibt, die sich den veränderten Bedingungen des 21. Jahrhunderts anpassen und, wenn man so will, gesundschrumpfen musste.

Und wie liefen die Geschäfte?

Zusammen mit der Musikbranche ist seit der großen Internetblase um die Jahrtausendwende, als AOL Time Warner kaufte und dieser Deal an der Croisette das Sensationsthema schlechthin war, auch die Midem geschrumpft. Zwar waren dieses Jahr noch weitaus mehr als 300 Kämpfer in Cannes auf der Piste - die Veranstalter zählten 6150 akkreditierte Teilnehmer. Doch im Vergleich zum Vorjahr ging es noch einmal um vier Prozent nach unten. Ein Grund zur Sorge muss das freilich nicht sein: Übereinstimmend berichteten viele Midem-Besucher, und zwar Debütanten wie Veteranen, dass sie nicht nur gute Gespräche hatten, sondern auch gute Geschäfte machen konnten.

Obwohl der Messebereich in den Hallen Riviera und Lerins im Festivalpalais noch überschaubarer als in den Vorjahren ausfiel und Stände fast nur noch als gemeinschaftliche Schaufenster von Ländern und Regionen aufgebaut waren, herrschte eine intensive, geschäftstüchtige und optimistische Atmosphäre. Immerhin zeichnete sich ja auch im internationalen Musikgeschäft 2013 ein Umschwung ab, der Kompass zeigt wieder auf Wachstum. Und vielleicht wächst die Midem schon im nächsten Jahr wieder mit. Die Veranstalter von der Reed Midem Organisation unter Messechef Bruno Crolot tun dafür jedenfalls schon seit drei Jahren ziemlich viel und versuchen, alle Bereiche der Branche mit den passenden Formaten zu bespielen.

Start-ups, Hacks und Innovationen ...

So stießen neben den Midem Talks auch die Präsentationen und Panels im "Brands & Fans Central" und in der "Innovation Factory" auf starkes Interesse. Denn natürlich geht es auch in Cannes schon lange nicht mehr nur um das traditionelle Business, sondern vor allem auch um Visionen und Projektionen. Und deshalb konnte man in der Innovation Factory viele neue Softwarekonzepte, verheißungsvolle Startups und Geschäftsmodelle sowie Apps für alles und jeden kennenlernen. Was davon in ein paar Jahren noch Bestand hat, wenn die Investorengelder aufgebraucht sind und ein gewisser Schwellenwert zur Rentabilität überschritten ist, wird sich wie bei allen neuen Konzepten erst noch zeigen müssen. Was Yuli Levtov, der Gewinner des Midem Hack Days, am Montagabend vorführte, kam jedenfalls sehr vielversprechend rüber: Dank seiner Entwicklung DJ Spotify kann jeder Möchtegern-Discjockey neue Dance-Mixe aus dem Fundus der 22 Millionen Spotify-Tracks erstellen.

Auch die vier Gewinner des Startup-Wettbewerbs Midemlab beeindruckten mit interessanten Konzepten: Weezic ist eine aus Frankreich stammende Anwendung für digitale Notenblätter; cubic.fm aus der Türkei ist eine interaktive und sozial vernetzte Plattform, die Streamingdienste wie Deezer und Spotify zu einem gemeinsamen Netzwerk zusammenfügt. Die Entwickler von Starlize, einer Smartphone-App für selbst kreierte Videoclips, und Nagual Sounds kommen aus Deutschland. Für Nagual Sounds, das per Kamera Bewegungen in Musik umwandelt, saß Chief Marketing Officer Matthias Strobel bei der abschließenden Midem-Pressekonferenz mit auf dem Podium und zeigte sich als Messenewcomer sehr angetan von der Veranstaltung.

Was wünschten sich manche Teilnehmer?

Für das Partnerland Brasilien nahm der Songwriter und Rapper Kleber Cavalcantes Gomes, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Criolo, an der Pressekonferenz teil, und wies auf die fundamentale Kraft der Musik hin: "Ein einziger Song kann ein ganzes Land verändern", sagte er. Und: "Die Kraft der Musik lässt sich nicht in Zahlen messen, sie berührt die Herzen." Wie recht Criolo damit hat, zeigte sich immer mal wieder beim Liveprogramm, das dieses Jahr indes deutlich schmaler ausgefallen war. Dank Brasilien und Malaysia gab es zum Glück dennoch tolle Livemomente.

Anwalt Ken Hertz, Gründer der kalifornischen Licensing-Agentur MemBrain, der ebenfalls an der Abschlusskonferenz teilnahm, lobte den Kongressteil der Midem in höchsten Tönen und betrieb dabei Konkurrenzbeobachtung: "Der Kongress bei SXSW ist zum Zoo verkommen, da ist keine ernsthafte Konversation mehr möglich." Hertz wünschte sich indes von der Midem mehr Musik: "Die Trennung von den NRJ Awards hat ein Vakuum hinterlassen. Mehr Künstlershowcases würden die trockene Atmosphäre verbessern. Schafft wieder mehr Künstler ran!" Ansonsten aber brachte er das Wesen der diesjährigen Midem auf den Punkt: "Man nimmt nicht an einem Branchenkongress teil, um etwas Neues zu lernen, sondern um mit anderen Teilnehmern auf einem intelligenten Level ins Gespräch zu kommen." Kurz und bündig: Es gehe um "Konvergenz und Konversation".

Mit der Konversation hat es ohne Zweifel bestens geklappt, aber das war ja schon immer eine Stärke der Midem. Die Konvergenz hingegen wurde nicht ganz so deutlich: Denn trotz aller Vielfalt der Formate fehlte der Midem 2014 ein wenig der Fokus - obwohl natürlich Streaming mit seinen Folgen an allen Ecken und Enden ein Thema war.

Und wie war das mit der Nachhaltigkeit?

Doch was hatte es mit dem diesjährigen Motto auf sich? Es lautete "Back to growth? Make it sustainable!", und es lässt sich wie eine Aufforderung an die Akteure der Branche lesen, endlich mal nachhaltig zu wirtschaften. Aber die Sache mit der Nachhaltigkeit ist tricky: Denn dank der vielen Streamingplattformen ist praktisch alle Musik der Welt jederzeit im Netz vorhanden, was zweifellos als eine gewisse Art von Nachhaltigkeit durchgehen kann. Doch wenn jeder jederzeit auf jede Art von Musik zugreifen kann, führt das paradoxerweise bei vielen Gliedern der traditionellen Wertschöpfungskette zu einer Abwärtsspirale der Erlöse, während neue Akteure die Börsenkurse bestimmen. Und am Ende müssen die Kreativen zusehen, wie sie ihr Auskommen sichern. Nachhaltiges Wirtschaften? Bleibt schwierig.

Hat das Midem-Motto von der Nachhaltigkeit deshalb gar ein bitteres Gschmäckle? Bei dieser Frage kommt die Politik ins Spiel. Schon immer bot die Musikmesse an der Côte d'Azur französischen Kulturpolitikern eine Bühne für ihre Programme - von Jack Lang und Jacques Toubon über Catherine Trautmann und Christine Albanel bis hin zu Frédéric Mitterrand und der derzeitigen Amtsinhaberin Aurélie Filippetti. Und schon immer wurden bei dieser Gelegenheit auch Orden verliehen, dieses Jahr zum Beispiel an AIM - The Association of Independent Music-CEO Alison Wenham.

Doch erst neuerdings bekommt der politische Teil der Midem mit den EU-Bestrebungen zur Harmonisierung der Urheberrechte einen grenzüberschreitenden Aspekt. EU-Kommissar Michel Barnier nutzte 2013 das Forum; die deutsche GEMA adressiert in Cannes schon länger die Themen, die alle europäischen Verwertungsgesellschaften und Urheber tangieren. Und erstmals gab es in diesem Jahr ein gemeinsames Panel von SACEM und GEMA, bei dem auch klare politische Forderungen an die Brüsseler Adresse formuliert wurden. Bei solchen Gelegenheiten zeigt sich dann, worin das Zukunftspotenzial der Midem liegt: Es gibt weltweit keine andere Branchenveranstaltung von solcher Vielfalt und Spannbreite, die sich zugleich auch als Tagungszentrum für politische Gespräche und Meinungsaustausch anbietet.

Ein Patentrezept für die Midem? Jein. Denn wie schon Brian Message sagte: Harte Arbeit alleine reicht nicht aus, man muss auch einfach Glück haben.