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Jens Michow: "Jeder weiß, wie sehr ich an der Verbandsarbeit hänge, aber …"

01.01.1970 01:00 • von Norbert Obkircher

Der deutsche Live-Entertainment-Markt stellte sich in den vergangenen Jahren sehr gut dar. Wie sieht denn die bisherige Entwicklung für 2013 aus? Die bisherige Umsatzspitze seit Beginn unserer Datenerhebung 1995 gab es im Jahr 2011 mit einem Branchengesamtumsatz von exakt 3,943 Milliarden Euro. Die Daten für 2012 werden wir erst im September im Rahmen des Reeperbahnfestivals präsentieren. Ich bin sehr skeptisch, dass dieser Spitzensatz 2012 beziehungsweise in diesem Jahr gehalten wurde. Aber vor allem im Veranstaltungsgeschäft sagt der Umsatz nur wenig über die wirtschaftliche Lage einer Branche aus, für die weniger stets auch mehr bedeuten kann. Einen überproportionalen Anteil am Umsatz haben Marktbereiche wie das Musical oder die Klassik, in der es im Vergleich zum überwiegenden Teil des übrigen Veranstaltungsmarktes ein besonders hohes Preisniveau gibt.

Wirken sich allzu hohe Preise denn nicht kontraproduktiv aus? Es wird ja bereits seit vielen Jahren diskutiert, ob sich die Veranstaltungsbranche mit hohen Eintrittspreisen nicht irgendwann selbst ins Aus manövriert. Schon zu D-Mark-Zeiten habe ich anlässlich einer Rolling-Stones-Tournee gemutmaßt, dass es 100 Mark Eintritt für eine Rockveranstaltung nie wieder geben wird und sich der Preis nur rechtfertige, da es die wohl letzte Tournee der Rolling Stones sei. Ich hatte mich gleich in zweierlei Hinsicht geirrt: Abgesehen davon, dass es keineswegs die letzte Tournee der Stones sein sollte, war - verglichen mit Kartenpreisen von bis zu 560 Euro für das zugegebenermaßen herausragende Konzert von Barbra Streisand im Juni dieses Jahres auf der Berliner Waldbühne - der damalige Kartenpreis der Stones allenfalls der Anfang einer Entwicklung, die meines Erachtens immer noch nicht ihr Ende erreicht hat.

Ist es also einfach eine Sache von Angebot und Nachfrage? Allenfalls bei oberflächlicher Betrachtung. Der Trend zeigt sich sehr deutlich an unserer Branchenstudie 2011: Es wurden signifikant weniger Tickets als in den Vorjahren verkauft, jedoch ein höherer Umsatz erwirtschaftet. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Kartenpreise nicht von den Veranstaltern, sondern im Wesentlichen von den Künstlern festgelegt werden. Die mögen der Überzeugung sein, dass das Publikum für ein herausragendes Ereignis jeden Preis zahlt. Sie übersehen allerdings, dass dem Live Entertainment damit sukzessiv eine Basis wegbricht, von der man nicht weiß, ob sie irgendwann wiederkommt. Ich befürchte, dass diese Politik einiger Künstler einen Frustrationseffekt jenes Teils des Publikums nach sich zieht, das sich so hohe Preise nicht leisten kann. Darunter werden dann vielleicht nicht die Verursacher, sondern die Veranstalter mittelfristig zu leiden haben.

Welchen Stellenwert haben Non-Music-Events am Umsatz der Livebranche? Der Umsatzanteil der Veranstaltungen, bei denen Musik nicht im Vordergrund steht, ist im Verhältnis zum Gesamtumsatz auf ein Drittel gestiegen. Dieser nichtmusikalische Bereich nimmt stetig zu, und ich glaube, darin liegen die zukünftigen Chancen des Veranstaltungsgeschäfts. Die Veranstalter setzen sich jedenfalls sehr genau mit diesen Zahlen auseinander.

Aber spielt nicht immer auch Musik eine Rolle, wie zum Beispiel bei den Ehrlich Brothers mit ihrer Zauberei im Heavy-Metal-Design, die bei der diesjährigen LEA-Gala auftraten? Aber doch eher mit untermalendem Charakter. Für nichtmusikalische Veranstaltungen ist natürlich erst einmal die GEMA eine Hürde. Denn sobald Musik eingesetzt wird, entsteht ein zusätzlicher Kostenfaktor. Doch das ist sicher ein ausbaufähiger Bereich, denn mit Themen wie Comedy - man denke an Mario Barth im Olympia Stadion, die Arenen- Tournee der Drei ??? oder die von Semmel Concerts weltweit seit Jahren veranstaltete Tutanchamun-Ausstellung - lassen sich kalkulierbarere Gewinne erzielen als mit medienwirksamen Konzerten internationaler Spitzenstars.

Ist die Ausländersteuer noch ein Problem? Nein. Das Problem ist gelöst. Beim Steuersatz sind wir nach Ausflügen bis zu 25 Prozent plus x wieder da angekommen, wo wir gestartet waren, nämlich bei einer Bruttobesteuerung mit 15 Prozent. Aber wir sind noch viel besser dran als vorher. Bereits seit 2002 wird auch die Umsatzsteuer nicht mehr mitbesteuert. Ferner ist nun gesetzlich geregelt, dass Reisekosten und auch der Verpflegungsmehraufwand nicht mehr zur Bemessungsgrundlage zählen. Und es gibt zudem die Alternative, eine Nettopauschalbesteuerung oder sogar eine steuerliche Veranlagung zu wählen. Daher besteht bei diesem Thema zurzeit kein Handlungsbedarf. Die erheblichen Anstrengungen unseres Verbandes auf diesem Gebiet haben sich also gelohnt.

Wie sieht das Verhältnis zur GEMA aus? Trägt die Vereinbarung, die die Veranstalterverbände Anfang 2011 mit der GEMA geschlossen haben? Wir haben in zwei Stufen 2010 und 2011 nach jahrelangem zähem Ringen einen Vergleich geschlossen. Er war für die Veranstalter sehr teuer, aber es gehört zum guten Stil, auf entsprechende Tarifverhandlungen dann auch irgendwann einen Deckel drauf zu machen, sich also mit dem Kompromiss zu arrangieren. Ein Problem ist, dass viele Ver - anstalter den Umfang des Vergleichs erst heute begreifen. Denn die Tariferhöhung ist ja 2010 auf fünf Jahre bis 2014 gestreckt worden. In voller Höhe greift der Tarif daher erst im kommenden Jahr. Wir werden nun allerdings sorgfältig darauf achten, dass es bei diesem Kompromiss bleibt und nicht noch irgendwo versucht wird, die Stellschrauben noch weiter anzuziehen.

Und wie haben sich die Künstler mit diesem neuen Kostenfaktor arrangiert? Spätestens dann, wenn Veranstalter und Künstler eine Kosten- und Einnahmeteilung vereinbaren, stellen die Künstler schnell fest, zu welch einem erheblichen Kostenfaktor sich die Autorenrechte entwickelt haben. Ich stelle fest, dass immer mehr junge Künstler, die ausschließlich ihr eigenes Repertoire aufführen, darüber nachdenken, ob sie die Aufführungsrechte nicht selbst wahrnehmen wollen. Es gibt ja durchaus die Möglichkeit, die Rechtewahrnehmung durch die GEMA zum Beispiel auf das mechanische Recht und die Rundfunk- und Fernsehrechte zu beschränken und das Aufführungsrecht selbst wahrzunehmen. Vor allem für junge Autoren, die ja dank des GEMAVerteilungsplans unproportional wenig von den GEMA-Einnahmen profitieren, halte ich das für sehr überlegenswert.

Tut sich da ein Beratungsfeld für den bdv auf? Das ist keine Sache des bdv, denn wir sind ja nicht Berater von Nichtmitgliedern. Aber solange die GEMA nicht das - sicher komplexe - Problem löst, dass auch Autoren, die ihr Repertoire vornehmlich live vermarkten, einen angemessenen Anteil an den letztlich durch sie erwirtschafteten Einnahmen erhalten, sollten die Autoren den Weg wählen, ihre Rechte unmittelbar mit den Veranstaltern abzurechnen. Unter den gegebenen Voraus - setzungen wäre das für die Autoren sicher wirtschaftlicher.

Muss man der GEMA mehr Flexibilität wünschen? Ich wünsche mir, dass die GEMA ihr Augenmaß für die angemessene Höhe ihrer Tarife nicht verliert. Die Debatte läuft immer wieder in die falsche Richtung. Jedenfalls die Veranstalter bestreiten doch den Autoren nicht ihre Rechte. Und wir finden es selbstverständlich, dass die Autoren für die Nutzung ihrer Rechte eine angemessene Vergütung erhalten. Die Kernfrage lautet: Wo besteht die Grenze zwischen Angemessenheit und Unangemessenheit? Die Veranstalter fragen sich, wie lange sie sich die Nutzung von Urheberrechten noch leisten können. Bezugsgröße für die Anwendung eines Tarifs ist aktuell die Bruttoeinnahme des Veranstalters. Abgesehen von der Kuriosität, dass dazu auch der Umsatzsteueranteil des Eintrittsentgelts zählt, müssen wir dabei die Debatte um die Angemessenheit eines Tarifs wieder mehr auf den wirtschaftlichen Erfolg des Verwerters und nicht auf seine Einnahmen abstellen.

Die Clubs fühlen sich massiv von der GEMA unter Druck gesetzt. Ist das ein Thema für den bdv? In zweierlei Hinsicht ja: Einerseits sind die Ver - anstalter existenziell auf eine funktionierende Clubszene angewiesen. Die Clubs sind die Brutstätte des Künstlernachwuchses. Nur dort haben wir die Möglichkeit, neue Talente zu vertretbaren Kosten und in angemessenem Rahmen zu präsentieren, und nur dort können Künstler das erforderliche Rüstzeug für Auftritte in größeren Spielstätten erwerben. Wir haben bereits in den letzten Jahrzehnten ein erhebliches Clubsterben erlebt. Wenn aufgrund der Anhebung von Autorenrechtsvergütungen weitere Clubbesitzer aufgeben, ist das selbstverständlich ein Thema für den bdv. Wir haben daher der soeben neu entstandenen Live. Musik.Kommission, dem Verband der Musikspielstätten, jede gewünschte Unterstützung zugesagt.

Ein alte Frage, aber vielleicht immer noch akut: Sollten die beiden Liveverbände VDKD und bdv über kurz oder lang fusionieren? Wie bekannt sein dürfte, haben wir dazu vor einigen Jahren ja bereits sehr intensive Gespräche geführt, die im Ergebnis allerdings gescheitert sind. Eine Fusion macht nur Sinn, wenn die fusionierenden Partner sich davon Vorteile versprechen und sie bei der Fusion nicht Zugeständnisse machen müssen, die sie als Verschlechterung ihres Status quo empfinden. Da haben sich dann im Verlauf der bisherigen Verhandlungen doch jedenfalls derzeit schwer überwindbare Hindernisse aufgetan.

Inwiefern? Ich will da nicht zu sehr ins Detail gehen. Die beiden Verbände sind letztlich doch sehr unterschiedlich. Im VDKD sind ja vornehmlich die Unternehmen aus dem Klassikbereich organisiert, die bei uns kaum vertreten sind. Andererseits repräsentiert der bdv bis auf wenige Ausnahmen alle Unternehmen des Rock-/Pop-Bereichs. Auch wenn stets behauptet wird, dass es zwischen E und U keine Barrieren mehr gäbe - die Verhandlungen haben gezeigt, dass sowohl die inhalt - lichen als auch die personellen Erwartungen, welche die beiden Bereiche an einen Wirtschafts - verband stellen, erheblich differieren. In beiden Verbänden ist ein Anforderungsprofil an die Verbandsarbeit gewachsen, das keiner der beiden Verbände aufgeben will. Das macht es schwer, alle Interessen in einer einheitlichen Struktur zu bündeln. Vielleicht ist auch nur die Zeit dafür noch nicht reif. Erfreulich finde ich, dass es uns trotz aller Unterschiede immer wieder gelingt, bei wichtigen Themen - wie zum Beispiel den Tarifgesprächen mit der GEMA - Seite an Seite zu kämpfen.

Wie groß ist der bdv jetzt? Der bdv hat derzeit exakt 253 Mitgliedsbetriebe und vertritt als Verband für Verbände den Internationalen Fachverband für Show und Unterhaltung (IFSU) mit weiteren 64 Unternehmen der Branche.

Wie lange werden Sie den Verband noch leiten? Ich habe mich dazu bei der Wahl des bdv-Vorstand im vergangenen Jahr verbindlich festgelegt: Ich stehe noch für diese und eine weitere dreijährige Legislaturperiode zur Verfügung, bin für die aktuelle Legislaturperiode als Präsident einstimmig wiedergewählt worden und für diese und die weitere Legislaturperiode vom Vorstand als Geschäftsführer bestätigt. Aber in diesen sechs Jahren werden wir sehr genau die Verbands - zukunft für die Zeit nach mir planen müssen. Dabei geht es gar nicht so sehr um personelle, sondern vor allem um Finanzierungsprobleme. Der bdv war bisher in der glücklichen Lage, dass ich mich mit meiner Vergütung stets "zur Decke gestreckt habe", mich also mit dem arrangiert habe, was der Haushalt hergab. Und auch die Tatsache, dass die Geschäftsstelle des bdv seit eh und je in meinen Kanzleiräumen untergebracht ist, hat den Verband erhebliche Kosten erspart. Wir müssen nun darüber nachdenken, wie eine Geschäftsstelle, die dann ihren Sitz in Berlin haben wird, ebenso wie ein angestellter Geschäftsführer finanziert werden können. Das wird für den Verband eine weitaus größere Herausforderung darstellen als die Findung meines Nachfolgers.

Wollen Sie wirklich in sechs Jahren aufhören? Ist das Ihr Ernst? Mit der Arbeit an der Spitze des Verbandes auf jeden Fall. Jeder weiß, wie sehr ich an der Verbandsarbeit hänge. Aber mit dann fast 70 Jahren muss man den Stab auch endlich mal an einen Jüngeren abgeben. Mir ist es bereits jetzt schon ein wichtiges Anliegen, jüngere Kollegen in die aktive Verbandsarbeit einzubeziehen. Unser Vorstand lädt dazu bereits derzeit jüngere Kollegen zur Teilnahme an den Vorstandssitzungen ein, um sie für die Verbandsarbeit zu interessieren. Wir werden zudem in den kommenden Monaten diverse Aktivitäten starten, um auch den jungen Managern, Agenten und Veranstaltern zu zeigen, dass sie bei uns gut aufgehoben sind.

Ist es denn wirklich so wichtig, mit dem bdv in Berlin zu sein? Auf jeden Fall. Zwar reise ich seit Jahren fast wöchentlich von Hamburg nach Berlin und bin dort trotz meines Wohnsitzes in Hamburg immer präsent, wenn es erforderlich ist. Mit eineinhalb Stunden Zugfahrt ist das kein großes Hindernis mehr. Aber um sich mit dem einen oder anderen Abgeordneten "mal schnell" und unbürokratisch zu treffen oder bei einer politischen Veranstaltung "mal kurz aufzutauchen", ist man mit der Anreiseerfordernis doch zu schwerfällig. Ein Verband dieser Größenordnung, der die Politik als Ansprechpartner braucht, gehört nach Berlin.

Kommt Ihre Arbeit als Jurist gegenüber der Verbandsarbeit nicht ein wenig zu kurz? Nein. Ich weiß, dass viele es nicht für möglich halten, aber im "Hauptberuf" bin ich zunächst einmal Rechtsanwalt. Das ist nur möglich, da es mir ganz gut gelingt, die Geschäftsführung des bdv und auch meine übrigen beruflichen Aktivitäten derart mit meiner anwaltlichen Tätigkeit zu koordinieren, dass nie der Eindruck entsteht, dass eine der Aufgaben erst an zweiter Stelle rangiert. Daher mag es zum Beispiel kaum auffallen, dass ich seit fast 40 Jahren die Agentur Michow Concerts & Management betreibe, die mit ihren zehn Mit - arbeitern sicher zu den umsatzstärksten deutschen Künstleragenturen zählt. Es dürfte auch kaum jemand gemerkt haben, dass ich mich in den letzten drei Jahren der wohl größten Herausforderung meiner beruflichen Karriere gestellt habe: Im September erscheint - nach drei Jahren harter Arbeit - beim Verlag C.H. Beck, der ersten Adresse für rechtliche Literatur, ein von mir zusammen mit meinem Partner Dr. Johannes Ulbricht verfasstes Handbuch zu allen relevanten Rechtsbereichen des Veranstaltungsrechts. Das Werk richtet sich vor allem an juristische Fachleu- te und wird das erste Buch sein, das die gesamte Literatur und Rechtsprechung zu den rechtlichen Fragestellungen des Live-Entertainment-Markts darstellt. Ein solches Werk sozusagen "nebenher" zu schreiben, ist ein unglaublicher Kraftakt. Ich bin stolz, dass wir es gewagt und geschafft haben.

Um was geht es inhaltlich? Das Buch beschäftigt sich tatsächlich mit allen branchenrelevanten Fragestellungen aller für Veranstalter relevanten Rechtsgebiete: dem Vertragsrecht bei Veranstaltungs-, Veranstaltungsbesuchs-, Agentur- oder Managementverträgen, dem Urheberrecht, dem Recht der Verwertungsgesellschaften, Wettbewerbsrecht, Markenrecht, Haftungs- und Versicherungsrecht, dem Künstlersozialversicherungsrecht und natürlich dem Steuerrecht.

Wenn Sie also tatsächlich in sechs Jahren auf - hören sollten, werden Sie jedenfalls sicher nicht die Hände in den Schoß legen, oder? Ganz sicher solange nicht, wie mir meine beruf - liche Tätigkeit weiterhin soviel Spaß macht. Und solange ich es kann, werde ich mich auch immer wieder neuen Herausforderungen stellen. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass ich irgendwann nur noch meinen Garten pflegen oder Golf spielen werde. Wenn ich den bdv aufgebe, wird das also sicher nicht bedeuten, dass ich plötzlich arbeitslos bin.

Seit 2011 haben Sie eine Dozentur an der Hochschule für Musik und Theater in München; im Juni wurden Sie zum Honorarprofessor ernannt. Wie fühlt sich das an? Ja, man hat mir 2011 angeboten, im Masterstudiengang Kulturmanagement als Dozent den Fachbereich Recht zu übernehmen. Ich habe ja in den vergangenen Jahren an vielen Hochschulen und in meinen eigenen Vortragsreihen viel doziert. Aber einen Studiengang von so sorgfältig handverlesenen jungen Leuten zwei Semester als Dozent zu begleiten und dabei ein Stückchen von eigenem Wissen und eigenen Erfahrungen weiter - geben zu können, ist eine Aufgabe, die mir wirklich sehr viel Freude bereitet und auch mir sehr viel gibt. Sonst würde man es auch kaum auf sich nehmen, alle zwei Wochen für eineinhalb Tage nach München zu fliegen und dort fünf Stunden zu dozieren. Und soweit Sie auf mein Feeling bezüglich des Titels anspielen: Ich doziere kontinuierlich seit mehr als 15 Jahren an verschiedenen Hochschulen, davon zehn Jahre an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg und nun seit drei Jahren in München am Gasteig. Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich die Professur just vom Freistaat Bayern nach den strengen Regularien des Bayerischen Hochschulgesetzes erhalten habe.

Stichwort Berlin: Sehen Sie den bdv als Pendant zum BVMI? Lässt sich das vergleichen? Wenn Sie Pendant mit "Gegenstück" übersetzen, trifft das insoweit zu, als dass beide Organisationen Wirtschaftsverbände im Bereich der Musikwirtschaft sind - der eine vertritt die Interessen der Tonträgerhersteller, der andere die der Veranstalter. Daher ist trotz aller Unterschiedlichkeit eine Vergleichbarkeit durchaus gegeben. Und trotz grundsätzlich unterschiedlicher Heraus - forderungen der jeweiligen Verbandsarbeit ziehen die Verbände auch immer wieder bei diversen Projekten am gemeinsamen Strang: Beste Beispiele dafür sind die von Dieter Gorny initiierte Initiative Musik, in der ich von Beginn an als Aufsichtsratsmitglied Einfluss nehmen darf, die Vergabe des Deutschen Spielstättenpreises oder die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft.

Wie ist der Stand der Dinge beim großen Projekt der eigenen Verwertungsgesellschaft? Wir haben bereits 2011 die Gesellschaft zur Wahrnehmung von Veranstalterrechten GmbH - die GWVR GmbH - gegründet. Aufgabe dieser Gesell- schaft soll es sein, das Leistungsschutzrecht des Veranstalters dort wahrzunehmen, wo Aufzeichnungen von Konzerten vervielfältigt oder gesendet werden. Eine Verwertungsgesellschaft bedarf in Deutschland der Zulassung durch das Deutsche Patent- und Markenamt. Dieses Zulassungs - verfahren läuft bereits seit mehr als eineinhalb Jahren. Seine Dauer hat unsere und die Geduld unserer Mitglieder sehr strapaziert. Die Gesellschaft hat bereits jetzt Wahrnehmungsverträge mit 36 Veranstaltern abgeschlossen, die dar auf warten, dass die Arbeit endlich aufgenommen wird. Wir gehen nun aber davon aus, dass wir noch in diesem Jahr die letzte Hürde überwinden und zugelassen werden. Wir werden dann Tarife aufstellen, Verträge mit der GVL und der GEMA bezüglich des Inkassos schließen und Verteilungspläne erarbeiten müssen. Spannend wird vor allem die Rechtewahrnehmung bei den digitalen Anbietern. Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, Verhandlungen zum Beispiel mit YouTube einvernehmlicher zu führen, als es der GEMA offenbar gelungen ist.

Was wünschen Sie sich von der Politik im Wahljahr 2013 im Bezug auf die Veranstaltungswirtschaft? Zunächst einmal ist nicht nur zu wünschen, sondern zu fordern, dass der ermäßigte Steuersatz für Eintrittskarten und die Leistungen der ausübenden Künstler erhalten bleibt. Das ist nicht nur für die Veranstaltungswirtschaft, sondern auch die Künstler wirklich existenziell. Im Übrigen wünsche ich mir, dass die Erkenntnis wächst, dass sich staatliche Förderung im Bereich der Musikwirtschaft lohnt und dem Staat durch Steuereinnahmen ein Return of Investment bringt. Es ist ein Segen für die Musikwirtschaft, dass es nunmehr seit fünf Jahren die Initiative Musik gibt. Die Flut von Förderanträgen junger Künstler zeigt, wie hoch der Bedarf ist. Zahlreiche Produktionen und Tourneen mit Nachwuchskünstlern fänden ohne die Unterstützung der Initiative Musik nicht statt. Viele der von uns initial geförderten Nachwuchskünstler stehen heute fest auf eigenen Beinen, sind erfolgreich und amortisieren durch ihre Steuerzahlungen die Investition des Staates. Das zeigt, dass das Förderprojekt sinnvoll ist. Unser Topf ist jedoch zumeist bereits nach der Hälfte des Jahres leer, wobei wir ohnehin viele Anträge in der Höhe nur eingeschränkt bewilligen. Ich vermag nicht einzusehen, wieso der Film in Deutschland mit 70 Millionen, die Musikwirtschaft jedoch mit weniger als einem Dreißigstel dieses Betrages gefördert wird. Hier wünschte ich mir ein den marktwirtschaftlichen Gegebenheiten angemesseneres Budget.

Was steht noch auf der Wunschliste? Schließlich hoffe ich, dass sich der Abgabesatz der Künstlersozialabgabe nicht erneut Jahr für Jahr weiter nach oben entwickelt. Da die Deutsche Rentenversicherung außer der in 2007 begonnenen Anschreibaktion von Unternehmen dem ihr vom Gesetzgeber übertragenen Prüfauftrag allenfalls stichprobenartig nachkommt, nimmt die Zahl derjenigen zu, die sich der Abgabepflicht aus Unkenntnis oder Unwilligkeit entziehen. Die abgabenehrlichen Verwerter müssen die dadurch entstehende Einnahmenlücke mittragen. Ich erwarte dringend, dass die neue Regierung schnellstens die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Gewährleistung eines kontinuierliches Prüfverfahrens schafft.

Wie hat sich in Ihren Augen LEA entwickelt? Denkt man an seine Anfänge vor acht Jahren in Hamburg in den Fliegenden Bauten, ist aus einem Kind ein Erwachsener geworden. Wir sind in dieses Projekt ja mehr oder weniger "reingeschliddert" und haben eigentlich gar nicht vorgehabt, daraus eine jährliche Veranstaltung werden zu lassen. Irgendwann Anfang des letzten Jahrzehnts wurde im Vorstand des bdv darüber nachgedacht, ob es nicht sinnvoll sei, dass der bdv einen Preis für herausragende Veranstalterleistungen verleihe. Nach einigem Nachdenken habe ich dann - letztlich entgegen dem Rat meines Vorstands, der mich davor warnte, mir noch ein weiteres Projekt aufzuhalsen - den Sprung ins tiefe Wasser gewagt. Wenn man sieht, was daraus jetzt entstanden ist, bin ich schon recht zufrieden. Die Frage wird sein, in welcher Richtung es weitergeht. Jedes Jahr noch größer und noch teurer und jedes Jahr eine Neuerfindung des LEA wird auf Dauer nicht funktionieren. Allerdings ist der LEA längst reif für eine Fernsehübertragung. Wir produzieren bei jeder Show eine technisch höchst professionelle Aufzeichnung, die in jeder Beziehung sendefähig ist. Und auch unsere Inhalte sind durchaus auch für ein größeres Publikum interessant. Davon die TV-Verantwortlichen zu überzeugen, ist derzeit unsere dringlichste Herausforderung.

Wie finanziert sich der LEA? Wir haben den LEA in den Fliegenden Bauten in Hamburg mit einem Etat von etwas über 200.000 Euro begonnen. Die heutige Veranstaltung kostet, wenn man alles bezahlen müsste, ungefähr das Zehnfache. Das ist kein Geheimnis - jeder, der sich ein bisschen mit Veranstaltungen auskennt, wird das schnell nachrechnen können. So ein Projekt kann man nur mit Partnern und Sponsoren auf die Beine stellen. Und da können wir sehr stolz sein, dass wir mit der Stadt Frankfurt, der Messe Frankfurt und der Wirtschaftsförderung der Stadt und natürlich unserem Namenspatron PRG, der Production Resource Group, ebenso wie mit unseren vielen großen, mittleren und kleineren Sponsoren Partner haben, die es uns ermöglichen, eine solche Show auf die sprichwörtlichen Beine zu stellen. Und dann gibt es da natürlich auch noch die Branchenunternehmen, die sich im LEA e. V. zusammengeschlossen haben und die Grundlage für die Kosten des laufenden Betriebs des LEA und die Arbeit der Jury und der Geschäftstelle liefern.

Hat das LEA-Wachstum auch mit dem Umzug nach Frankfurt zu tun? Der Wechsel nach Frankfurt war ja für mich als eingefleischtem Hamburger nicht ganz so leicht. Aber er hat eine Menge Vorteile gebracht: Die Anbindung an die Musikmesse und die Prolight & Sound sowie mit der Festhalle eine der schönsten Spielstätten des Landes. Und Frankfurt ist eine Stadt, der man anmerkt, dass sie uns wirklich haben will. Das macht Spaß.

LEA bleibt also die Eröffnungsveranstaltung der Musikmesse? Die Messe und der LEA haben sich von Anfang an für fünf Jahre gebunden. Und nachdem jetzt schon drei so erfolgreiche Veranstaltungen gelaufen sind, hoffe ich, dass wir auch weiter in Frankfurt am Main bleiben können. Damit sind wir allerdings an den Termin der Musikmesse gebunden - egal wann der Echo stattfindet.

Ist das nicht auch ein gewisses Handicap? Das ist es natürlich. Denn zwei Awards innerhalb eines Wirtschaftsbereichs in derart terminlicher Nähe überfordern nicht nur das Publikum, sondern rauben dem LEA als kleinerer Veranstaltung natürlich auch mediale Aufmerksamkeit. Daher hoffe ich, dass sich die Terminierung des letzten Jahres, bei der LEA und Echo in ein und derselben Woche stattfanden, nicht wiederholen.

Wo unterscheidet sich LEA von Echo oder anderen Preisen? Zunächst einmal: Der Echo orientiert sich bei der Preisvergabe an nachprüfbaren Fakten, nämlich dem Tonträgerverkauf. Würde die LEA-Jury vergleichbar den Ticketverkauf zugrunde legen, würden sich voraussichtlich jedes Jahr die gleichen Veranstalter die Preise abholen. Daher entscheidet beim LEA das zwangsläufig subjektive Votum einer Fachjury aus 17 Medienleuten. Eine objektive Messlatte gibt es beim LEA mithin nicht. Durch unterschiedliche Schwerpunkte, die die Jury von Jahr zu Jahr in den einzelnen Kategorien immer wieder neu setzt, wird gewährleistet, dass wir die ganze Bandbreite des nationalen Veranstaltungsangebots abbilden können. Das mag zwar für den einen oder anderen Veranstalter nicht ganz nachvollziehbar sein, ist aber unvermeidlich, wenn man langweilige Routine vermeiden und vor allem den Sinn und Zweck der Veranstaltung vor Augen hat: Wir wollen Klasse anstatt Kasse abbilden, Herausragendes und den Facettenreichtum der deutschen Veranstaltungslandschaft abbilden. Was übrigens die Veranstaltungsinhalte des LEA von allen anderen Awards unterscheidet, ist die Tat - sache, dass alle Darbietungen beim LEA hundertprozentig live dargeboten werden.

[IMG#336119_6.jpg#Bei der Jahresversammlung des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft (bdv) 2011 (von links): der Vorstand mit Roland Forster, Patrick Oginsky, Michael Schacke, Moni Breu, Dieter Weidenfeld, Jens Michow und Michael Bisping#LEFT] Es heißt, ein Live-Erlebnis kann man nicht kopieren - gilt das noch immer? Das hat Fritz Rau einmal gesagt, und er hat damit natürlich Recht. Ich werde von den Medien immer wieder gefragt, wie es kommt, dass Live sich in den letzten Jahren so erfolgreich entwickelt hat. Das ist natürlich darauf zurückzuführen, dass sich ein Live-Erlebnis nicht durch das Betrachten eines aufgezeichneten Livemitschnitts ersetzen lässt. Live bedeutet Nähe zu anderen Menschen, das gemeinsame Erleben, den Schweiß spüren, etwas trinken, essen, gemeinsam feiern, mitklatschen - so etwas ist ein Erlebnis, das sich durch keine Konserve ersetzen lässt.

Zur Person Prof. Jens Michow ist Seniorpartner der Hamburger Medienrechtskanzlei Michow & Partner Rechtsanwälte. Seit 1985 ist er Präsident und Geschäftsführer des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft (bdv) e.V. Nach dem Jurastudium begann er seine berufliche Karriere in den Siebzigern zunächst als Konzertagent und Künstlermanager, später als Tourneeveranstalter und Inhaber des Labels Antagon, bevor er sich 1992 als Rechtsanwalt in Hamburg niederließ. Bereits in den 70er Jahren gründete er die Künstleragentur Michow Concerts & Management.