Events

C'n'B stellte Urheberrecht auf den Prüfstand

Der zweitägige Kongress C'n'B im Rahmen der Kölner c/o pop befasste sich als Auftakt am 23. Juni mit einer Bestandsaufnahme der Positionen zum Urheberrecht in der virtuellen Welt. Dabei ging es streckenweise sehr temperamentvoll zu.

26.06.2011 10:40 • von Manfred Gillig
Polemischer Referent: Bertold Seliger (Bild: MusikWoche)

Der zweitägige Kongress im Rahmen der Kölner c/o pop - cologne on pop befasste sich als Auftakt am 23. Juni mit einer Bestandsaufnahme der Positionen zum Urheberrecht in der virtuellen Welt. Dabei ging es streckenweise sehr temperamentvoll zu.

"Das System des Urheberrechts ist überholt; es führt zur Entrechtung des Publikums und der Urheber gleichermaßen." Der Berliner Konzertveranstalter Berthold Seliger redete in seinem Referat am ersten Tag der C'n'B Klartext. Zum polemischen Einstieg verglich er die diesjährige Echo-Verleihung mit den Feiern zum 40. Jahrestag der DDR, die kurz vor deren Kollaps stattfanden, ebenso wie die Contentindustrie dank des Internets heute kurz vor dem Zusammenbruch stehe. Von deren Abwehrhaltung gegen das Internet zog er Parallelen zu Bauern, die im 19. Jahrhundert gegen den Bau einer Eisenbahnlinie auf die Barrikaden gingen, weil sie befürchteten, dass ihre Kühe wegen der fauchenden Dampflokomotiven keine Milch mehr geben würden.

"Den Echo in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf", rezitierte Seliger. Doch merke: "Komplexen Gesellschaften gelingt es nie, ihrem Untergang zu entgehen." Er bezog das auf die Kreativwirtschaft und die Verfechter des Urheberrechts, die er mit dem Römischen Reich verglich. "Das Copyright, wie wir es kennen, wird es im Lauf des 21. Jahrhunderts nicht mehr geben."

Nach Seligers Auftaktpolemik kam der Themennachmittag zum Urheberrecht gleich mächtig in Fahrt; drei Stunden lang ging es mit wechselnden Rednern und Diskutanten um "Rechte und ihre Verwertung". Das Urheberrecht provoziert immer wieder einen emotional aufgeladenen Diskurs - das zeigte sich eben auch bei der C'n'B-Convention, deren Themenstellung den aktuellen Stand der Kontroverse spiegelte und die mit den richtigen Protagonisten auf dem Podium besetzt war.

Bertold Seliger beschränkte sich in seinem Impulsreferat zum Glück nicht nur auf abgedroschene Polemik gegen Echo und Musikindustrie, mit der man von Anhängern schrankenloser Freiheit im Internet immer wohlfeiles Schulterklopfen erntet. Er ließ den intellektuellen Knallerbsen zum Einstieg einige grundlegende und bedenkenswerte Ausführungen zum gesellschaftlichen und kulturellen Stellenwert des Kopierens folgen - wobei er leider keine Unterschiede zwischen Wirtschaftsgütern und kreativen Leistungen machte. "Das 21. Jahrhundert wird von China geprägt werden", sagte er, und deshalb sei es hilfreich, sich intensiver mit dem chinesischen Denken zu beschäftigen.

Die europäische Idee des Originals einer Schöpfung habe im chinesischen Denken kein Pendant, weshalb es immer wieder zu Kollisionen mit dem westlichen Verständnis komme. Im chinesischen Denken sei alles im stetigen Wandel begriffen, die Kopie habe denselben Stellenwert wie das Original. Wenn eine kreative Schöpfung kopiert, ein erfolgreiches Stück Literatur von anderen Autoren imitiert und fortgeführt werde, dann werde das nicht als schändlich empfunden, eher im Gegenteil. Daher hätten die Chinesen zum Beispiel den Ort Hallstatt im Salzkammergut in einer identischen Replikation in China nachgebaut.

"Aber ist das wirklich so verschieden von den Produkten der Musikwirtschaft?", fragte Seliger. Denn schließlich werde ein Hit doch auch seit jeher immer sofort kopiert, um von dessen Erfolg zu profitieren. Und: "Die deutsche Wirtschaft wurde groß durch das ungehemmte Kopieren unter Umgehung des Leistungsschutzrechts; ohne Copy and Paste würde unsere Wirtschaft nicht funktionieren." Damit bezog er sich freilich nicht auf Musik, sondern auf materielle Güter.

Ein Aspekt werde jedoch in allen Diskussionen zu wenig beachtet, meinte Seliger: "Es kann kein Copyright ohne Arbeiterrechte geben." Leider ging dieser Aspekt in der folgenden Diskussion unter, obwohl er mehr als einen kurzen Gedanken verdient gehabt hätte.

Von Micki Meuser, der als Musiker, Komponist und Verleger auf dem Podium saß, erntete Seliger heftigen und begründeten Widerspruch. Meuser warf Seliger vor, er werfe Patentrecht und Urheberrecht in einen Topf, wenn er das Kopieren materieller Wirtschaftsgüter mit dem Kopieren kreativer Schöpfungen vergleiche. Und ein kreatives Werk sei eben anders einzustufen als ein digitales Datenpaket zur Übermittlung von Information, Stichwort Schöpfungshöhe: "Ein Autor gibt dem Nutzer mehr als Informationen; er gibt ihm, um es mal poetisch auszudrücken, Liebe." Für Meuser geht es in der Diskussion um Urheberrecht "nicht um Freiheit oder Demokratisierung" im Internet, sondern vor allem um einen Wirtschaftskrieg, um die Frage nämlich, wohin das Geld fließt. "Es geht in die USA zu den IT-Konzernen." Seligers Argumentation spiele der traditionellen IT-Industrie, spiele Google, Amazon, Apple, Facebook in die Hände. "Die brauchen unsere Ideen, um ihre Hardware zu verkaufen." Für Meuser aber wird "die Zukunft der Wirtschaft ein mehrdimensionales Wirtschaften zusammen mit den Kreativen sein, nicht mit Google und Co.".

Apropos Google: Meuser verwies darauf, dass der US-Konzern Milliarden von Dollars verdiene, und zwar auf Kosten der Urheber. Das aktuelle Scharmützel zwischen YouTube und GEMA hält er für eine gezielte Desinformationskampagne von YouTube, um "die Urheber zu diskreditieren" und einen "Keil zwischen Urheber und Nutzer zu treiben".

Dass Google im "Wirtschaftskrieg" (Meuser) zu ziemlich raffinierten Mitteln greift, verdeutlichte auch die abschließende Diskussion des Themennachmittags: Da war der US-Riese als Namensgeber und Finanzier des "Google Collaboratory" präsent - ein gelungenes Product Placement. John Hendrik Weitzmann (Legal Project, Creative Commons Deutschland) und Dr. Robin Meyer-Lucht (Berater und Autor) stellten das "Szenario 2035" des Google Collaboratory vor, das die in den kommenden 20 Jahren notwendigen Veränderungen des Urheberrechts skizzieren sollte. Nach diesem Szenario sollen die Rechte der privaten Nutzer gestärkt werden, zum Beispiel soll die Privatkopie einklagbar sein. Schutzfristen sollen generell verkürzt und abgestuft je nach Art des Werks gelten. Nur wer Urheberschutz explizit will, soll ihn auch bekommen. Das "alte Urheberrecht" sei "ungerecht und nicht im Allgemeininteresse". Mit solchen "Sprechblasen" kann sich Robin Meyer-Lucht allerdings nicht identifizieren, der ebenso wie Stefan Herwig vom Mindbase Music Management - übrigens der einzige Vertreter der Musikbranche im Google-Zukunftsgremium - eine abweichende Stellungnahme zum Schlussbericht des Think Tanks abgab.

Weitaus spannender als die Vorstellung des von Google mit 200.000 Euro gekauften Zukunftsszenarios ging es davor im Streitgespräch zwischen Prof und Andreas Gebhard zu. Gorny saß als Vertreter der kürzlich gegründeten Content Allianz auf dem Podium, Gebhard als Mitbegründer der "Digitalen Gesellschaft" - wobei Gorny gleich mal einfließen ließ, dass sein Verein Organisationen wie GEMA und Verlegerverband und sogar die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten vertritt, während die "Digitale Gesellschaft" gerade mal 15 Einzelpersonen als Mitglieder habe.

Ob 15 oder 50 Mitglieder, das sei völlig irrelevant, verwahrte sich Gebhard; es gehe um Grundsatzfragen, die "Digitale Gesellschaft" sei eine Art "Greenpeace fürs Internet". Sie wolle ein "klares Bekenntnis zur Freiheit im Internet" ablegen und sehe das "bürgerzentriert". Worauf Gorny einwarf: "Habt Ihr die Bürger mal gefragt?" Der vergnügliche Schlagabtausch ging weiter. Gorny betonte: "Es geht um den Wert kreativen Schaffens. Darauf hinzuweisen, ist Auftrag der Content Allianz. Wir brauchen keine zusätzlichen rechtlichen Regelungen." Gebhard stellte klar, es gehe "nicht um Kostenloskultur", aber "die Leute wollen Angebote, die niederschwellig und schnell sind"; es gebe "Möglichkeiten zur Monetarisierung zuhauf". Gorny warnte, ein niederschwelliger Zugang zu Inhalten dürfe nicht "zu Lasten der Künstler gehen". Im Dreieck von Nutzern, Verwertern und Produzenten seien die Produzenten in der Debatte unterbewertet. "Die Nutzer wollen professionell unterhalten werden." Und das koste eben Geld, das man im Internet erst verdienen müsse.

Dass die Musikbranche trotz oder gerade wegen des Internets und des Downloadproblems noch immer gutes Geld verdient, versuchte in der ersten Diskussionsrunde des Themennachmittags der Blogger und Berater Marcel Weiß darzulegen. Der Musikmarkt habe in Schweden, Norwegen und Großbritannien in der Dekade nach dem Siegeszug von Napster an Volumen zugelegt und nicht etwa abgenommen, die Musikwirtschaft sei eben größer und vielfältiger als der Markt der Musiklabels. Der Output der Kreativbranche sei so hoch wie nie; so habe zum Beispiel die Zahl der jährlichen Buchveröffentlichungen kontinuierlich zugenommen.

Und es gebe auch genug erfolgversprechende Geschäftsmodelle im Filesharing-Zeitalter. "Modernes Urheberrecht darf nicht alle heranwachsenden Generationen kriminalisieren", sagte Weiß. "Es muss sich den Gegebenheiten anpassen." Man solle sowieso "viel pragmatischer" an die Sache rangehen. Und überhaupt halte Google ja auch eine enorme Serverleistung vor, um all die Clips zu speichern, das müsse doch auch irgendwie finanziert werden. Ein Verweis auf Universal-Music-President Frank Briegmann und Sony-Music-CEO Edgar Berger, die sich kürzlich GEMA-kritisch geäußert hatten, durfte in diesem Zusammenhang dann nicht fehlen.

Am Ende des Themennachmittags waren zwar viele Positionen dargelegt und manche Begriffe verwirrt und zerredet, aber zwei Fragen blieben. Darauf wies Prof. Dr. Karl-Nikolaus Pfeifer vom Institut für Medienrecht und Kommunikationsrecht an der Universität Köln hin, der als Moderator mit viel Sachkenntnis und Souveränität einen hervorragenden Job machte: "Erstens - was kann ein Anreizmechanismus für kreative Produktion im Netz sein? Wie soll Freiheit im Netz in Zukunft funktionieren?" Und zweitens, Stichwort Mash-ups und kreatives Kopieren: "Wie gehen wir mit den Nutzungen im Netz um?"

Gute Fragen. Vielleicht liefert die C'n'B 2012 Antworten.