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Seliger bemängelt subventionierte Popkonzerte

In einem aktuellen Zeitungsartikel kritisiert Konzertveranstalter Berthold Seliger die zunehmende Praxis, dass staatlich subventionierte Theater bekannte Popacts auf die Bühne bringen, die "problemlos von freien Konzertveranstaltern angeboten werden könnten". Der Berliner Veranstalter sieht dadurch das Subsidiaritätsprinzip verletzt.

07.09.2010 13:00 • von Frank Medwedeff

In einem Artikel für die "Berliner Zeitung" kritisiert Berthold Seliger, Betreiber der gleichnamigen Konzertagentur, die zunehmende Praxis, dass staatlich subventionierte Theater bekannte Popacts auf die Bühne bringen und somit unerlaubterweise in Konkurrenz zu den privaten Veranstaltern treten.

Seliger konstatiert eine "Quotisierung der Kulturpolitik - gut ist, was viele Zuschauer anzieht, gut ist, was verkauft, das öffentlich-rechtliche Fernsehen macht diesen Niedergang vor. Da schreibt mir etwa der Chef des Kulturamts einer bayrischen Kleinstadt: 'Ich brauche halt leider - gerade in diesem, finanziell knappen Jahr - ganz sichere Konzerte, bei denen ich weiß, dass ich 1.000 + x Besucher bekomme' - als ob es Aufgabe eines Kulturamts sei, wirtschaftlichen Gewinn zu erzielen. Das Musikprogramm des Kulturamts einer osthessischen Stadt präsentierte diesen Sommer Ernst Hutter & Die Egerländer, José Feliciano, Ich+Ich und Adoro." Auch das "Musikbühne"-Programm der Berliner Volksbühne, laut Seliger "ein Theater, das einen Zuschussbedarf von 184 Euro pro Ticket hat, knapp unterhalb des Bedarfs der Staatsoper", habe in den letzten Monaten Pop-Acts wie Get Well Soon, Rufus Wainwright und Charlotte Gainsbourg geboten. Für Seliger sind das "Künstler, die sowieso im Pop-Konzertprogramm der Musikhauptstadt auf und ab spielen oder problemlos von freien Konzertveranstaltern angeboten werden könnten. Während die Theatersparte des Hauses mit widerständiger Programmarbeit glänzt, bietet die Musikbühne ein braves Programm ohne Risiken - als ob es nicht auch schwierige Produktionen moderner Musik gäbe, die auf eine Bezuschussung der öffentlichen Hand angewiesen wären."

Den Theatern gehe es vielfach einfach darum, mit populären Konzerten "ohne Probleme die Häuser zu füllen". Seliger sieht darin "eine Win-Win-Situation: Ein Popkonzert verursacht wesentlich weniger Kosten als etwa eine moderne Musiktheateraufführung, und gleichzeitig schreiben die Theater 'Quote', die Plätze sind gut ausgelastet, man kann sich von den Bürgermeistern als erfolgreicher Kulturveranstalter feiern lassen."

"Allerdings - zulässig sind derartige Veranstaltungen eigentlich nicht", betont Seliger. "Hierzulande gilt das Subsidiaritätsgesetz, ein Prinzip, das festschreibt, dass die öffentliche Hand sich auf ihre Kernaufgaben beschränken muss und nicht selbst zum Konkurrenten der freien Wirtschaft werden darf." Seliger hält die Einhaltung dieses Prinzips für selbstverständlich: "Warum sollten Steuergelder ausgegeben werden für Veranstaltungen, die private Unternehmen ebenso gut tragen können? Es liegt auf der Hand, dass es eine öffentliche Aufgabe ist, eine Oper zu betreiben oder ein Museum - so etwas lässt sich privat nicht finanzieren. Ebenso liegt es aber auf der Hand, dass es eine gesetzgeberisch weder gewünschte noch erlaubte Zweckentfremdung darstellt, wenn ein Theater oder ein Kulturamt Mainstreamkonzerte ausrichtet."

In anderen Ländern gestalte sich die Situation anders, wie Seliger darlegt: "Betrachten wir das Kulturprogramm an mit öffentlichen Geldern finanzierten renommierten Kulturzentren in den führenden Metropolen der Welt. Nehmen wir London, das Southbank Centre mit der Royal Festival Hall und der Queen Elizabeth Hall, der Heimat unter anderem des London Philharmonic Orchestra. Das 'Ether Festival' beschäftigt sich mit 'Innovationen, Kunst, Technologie und Cross-Arts-Experimenten' und hat 2010 Lou Reed mit seinem radikalen Projekt Metal Machine Trio, die Stereo MCs, Polar Bear oder Gil Scott-Heron eingeladen und präsentiert darüber hinaus das Gesamtwerk von Edgar Varèse. An einem eigenen Abend in der Queen Elizabeth Hall präsentiert das Southbank Centre 'Berlin's underground music scene', unter anderem mit To Rococo Rot, Gudrun Gut und Thomas Fehlmann. Nun stelle man sich nur einen Monat lang vor, die Berliner Philharmonie würde einen Abend mit diesen Berliner Elektronik-Künstlern veranstalten. Oder, um das Beispiel noch besser auf den Punkt zu bringen: einen Abend mit Londoner Underground-Musikern, etwa mit Dubstep-Künstlern, im Kammermusiksaal. Unvorstellbar. Ganze Welten liegen zwischen der neugierigen, weltoffenen Sicht, mit der Kulturinstitutionen in New York, London oder Paris Kulturen aller Länder präsentieren, und der bürokratischen Bräsigkeit, mit der hierzulande staatliche und kommunale Institutionen Programmpolitik betreiben."

Aber wer, "wenn nicht die staatliche Kulturpolitik und die Kulturbürokratie mit ihren Subventionen, soll denn in schwierigen Zeiten das fördern, was Kultur spannend macht - das Unerwartete, das Durchbrechen der Normen, die Radikalität künstlerischer Aussagen?", fragt Seliger. "Bleibt zu hoffen, dass sich der öffentliche Diskurs hierzulande zukünftig auch diesen Fragen der Ausrichtung der Kulturpolitik annimmt, statt nur über die Streichungen von Geld zu lamentieren", so der Appell des Berliner Impresarios.