Musik

Manfred Hertlein: "Jammern führt nicht weiter"

05.04.2004 12:00 • von Norbert Obkircher

musikwoche: Wie haben Sie die Meldung von der Insolvenz von voice-concert aufgenommen?

Manfred Hertlein: Ich war zunächst betroffen. Später habe ich erfahren, dass sich einige Leute gefreut haben. Das finde ich mehr als bedauerlich, denn ich denke immer nach dem Motto "Konkurrenz belebt das Geschäft" und wünsche niemandem, dass ihm so etwas passiert.

mw: Wie groß ist der Schaden für die Volksmusik?

Hertlein: Es schadet nicht nur der Volksmusik, sondern der ganzen Branche. Carmen Nebel hatte am Samstag noch blauäugig Fernsehwerbung gemacht. Dann hatte Wöste am folgenden Dienstag Insolvenz angemeldet. Das Schlimme und Unverständliche ist, dass die wichtigen Partner - Künstler, Manager und Subunternehmer - nicht informiert waren.

mw: Klingt das nach einem Racheakt?

Hertlein: Das mag so aussehen, aber ich gehe eher davon aus, dass er völlig überlastet war. Ich glaube, in einem solchen Fall kann oft ein Krisenmanagement eine Lösung finden. Aber hier wird der Druck wohl zu groß gewesen sein.

mw: Was sagt die Insolvenz über die Volksmusikszene aus?

Hertlein: Normalerweise lief und läuft die Volksmusik immer super. Man muss hier aber berücksichtigen, dass die Carmen-Nebel-Tour nicht unproblematisch war. Karl Moik zum Beispiel würde nie zweimal im Jahr touren. Carmen Nebel macht das nun schon seit Jahren. Das ist gefährlich und setzt eine Inflation ihres Namens in Gang. Die Leute wollen doch Abwechslung.

mw: Hat sie aber nicht durch den Imagewechsel beim ZDF versucht, ein neues Publikum zu erobern?

Hertlein: In ihrer neuen Sendung "Willkommen bei Carmen Nebel" stellt sie, die früher schwerpunktmäßig Volksmusik präsentierte, nun ein breiteres musikalisches Spektrum vor, das man aber nicht ohne weiteres auf das Live-Geschäft übertragen kann. Das Tourneeprogramm entspricht nicht der Sendung. Erschwerend kommt hinzu, dass bei der Tournee kaum ein Publikumsmagnet dabei war. Ich möchte keinem Künstler zu nahe treten, aber in der heutigen schweren Zeit kann man mit einem solchen Programm nicht die Hallen füllen.

mw: Welche Rollen spielen die hohen Eintrittspreise?

Hertlein: Die Kosten für eine Karte liegen inzwischen in einem Bereich, für den man sich eigentlich schämen müsste. Deshalb gehen die Leute gezielter in die Veranstaltungen. Und sie vermeiden nun viel eher Wiederholungen. Wer einige Male einen bestimmten Künstler oder ein bestimmtes Programm gesehen hat, der spart sich nun die nächste Show oder wählt eher mal eine andere Show.

mw: Welche Rolle spielen denn die Künstler bei den Eintrittspreisen?

Hertlein: Die Künstler leiden oft unter einer Selbstüberschätzung, die in keiner Relation zu ihrem eigentlichen Marktwert steht. Außerdem schwankt der Marktwert. Natürlich hat die Tonträgerindustrie großes Interesse, dass die Künstler touren, damit sie überhaupt noch was verkaufen. Neigt aber der Künstler dazu, seine Gage zu überziehen, geht das zuerst zu Lasten des Veranstalters und des Endverbrauchers. Daran kann ein Veranstalter bankrott gehen. Letztlich aber sind alle betroffen.

mw: Ist voice-concert ein Opfer von unsinnig hohen Gagen geworden?

Hertlein: Wöste war zumindest bekannt dafür, dass er auf überhöhte Gagenvorstellungen eingegangen ist, weil er im Volksmusikbereich eine Monopolstellung angestrebt hatte. Für mich war aber absehbar, dass er diese Preispolitik nicht lange durchhalten konnte, ohne Schaden zu erleiden. Letztlich schneiden sich aber hier die Künstler und Manager selbst ins Fleisch.

mw: Leben die denn in einem Elfenbeinturm? Nehmen sie die großen Veränderungen nicht mehr wahr?

Hertlein: Der Künstler hat oft ein unrealistisches Empfinden für die Anzahl der Menschen, die er noch zieht. Er produziert oft seine neue CD entgegen den Erwartungen seiner Konsumenten. Er will oft dort "neue Wege" gehen, wo der Fan nicht mitgeht.

mw: Das klingt nach dem klassischen Konflikt zwischen Künstler und Industrie. Kann man so etwas überhaupt überwinden?

Hertlein: Das geht nur in einer offenen und konstruktiven Teamarbeit. Meistens aber gibt es dieses Miteinander nicht. Wenn dann der Künstler zahlenmäßig das Publikum nicht mehr erreicht, blutet der Veranstalter und muss zuguterletzt noch vom Künstler Kritik einstecken.

mw: Was ist dran an Vorwürfen wie mangelnde Werbung oder unzureichende Plakatierung?

Hertlein: Meistens nur, dass sich das der Künstler einredet, um die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen. Denn das ist totaler Quatsch. Wir alle wollen doch verdienen und ein Projekt zum Erfolg führen. Darin sind wir doch Profis, dafür arbeiten wir engagiert und hart. In Wirklichkeit hatte sich der Künstler zu teuer verkauft, aber das will er sich um keinen Preis eingestehen.

mw: Ist es dann nicht an der Zeit, neue Wege zu gehen? Haben Sie eine Vision?

Hertlein: Ich habe immer Visionen. Ich hoffe, dass man aus der Insolvenz von Wöste lernt. Denn das Jammern führt nicht weiter. Natürlich meine ich, dass es niemals so weit hätte kommen dürfen. Aber ich habe inzwischen auch Künstler erlebt, die teamfähig und bereit sind, mit uns zusammen kreativ mit den veränderten Situationen umzugehen und nicht zuerst an das Geld, sondern langfristig zu denken.

mw: Hat die Insolvenz Auswirkungen auf den Vorverkauf oder auf die Abendkasse?

Hertlein: Das glaube ich nicht. Der Vorverkauf war und ist ausschlaggebend, ob ein Thema läuft. Wenn der Zuschauer wirklich an einer Veranstaltung interessiert ist, will er auch wissen, wo er sitzt. Er verlässt sich nur ungern auf die Abendkasse. Doch im Falle der Insolvenz von Wöste werden natürlich wieder Feindbilder zu Lasten des Veranstalters aufgebaut: die "gute" Carmen Nebel und der "böse" Veranstalter. Dass dem aber so nicht ist, geht hoffentlich klar aus meinen Ausführungen hervor. Nur wird der Endverbraucher hier natürlich nicht differenzieren - ihm fehlt in einer Zeit, wo jeder sparen muss, das Geld, ihm hat man ja etwas weggenommen. Und das fällt letztlich auf uns alle zurück, und wir werden es daher künftig noch schwerer haben.

mw: Besteht aber angesichts dieser wachsenden Bedrohung nicht die Gefahr von Preisabsprachen untereinander?

Hertlein: Eine konstruktive Zusammenarbeit wird immer unerlässlicher. Wir müssen uns miteinander abstimmen, auch wenn wir zueinander in Konkurrenz stehen. Sonst ahmen wir diese sinnlose Quotenjagd von ZDF und ARD nach, wo Gunter Emmerich dann gegen Carmen Nebel antreten muss und alle die Verlierer sind.

mw: Es sind Stimmen laut geworden, die meinen, dass Sie durch die Insolvenz von Wöste profitieren beziehungsweise zu einer Monopolstellung gelangen könnten. Was sagen Sie dazu?

Hertlein: Ich habe nie Künstler ausgenutzt und immer ein Miteinander angestrebt, denn mir liegt es fern, kurzfristig zu denken. Mir war von jeher Aufbauarbeit und langfristige Projektentwicklung wichtiger als das schnelle Geld.