Musik

Exklusivinterview mit Gang-Go-Chef Gottfried Engels

"Wir glauben nicht an schnelle Trends"

13.09.2002 17:03 • von

musikwoche.de: Die Größe von Gang Go ist immer überschaubar geblieben. Gab es dafür Gründe? Gottfried Engels: Das Label Gang Go, das ich 1997 zusammen mit Louis Spillmann gegründet habe und bei dem seit zwei Jahren Piet Blank als Partner mit im Boot ist, ist in den fünf Jahren mit einem Team von sechs Leuten bewusst klein geblieben. Dazu gehört ein Produktmanager, eine Promotion-Abteilung und ein eigener Webdesigner. Denn Gang Go ist, neben Kontor, eine der wenigen Familien, die es in dieser Branche noch gibt. Wir haben demokratische Abstimmungen, bei denen jeder seine Meinung und Kritik einbringen kann. Bei uns entscheidet keiner allein. Man hat uns oft das kleinste Dance-Label der Welt genannt. Trotzdem ist es uns gelungen, im vergangenen Jahr bei der Label-Jahreswertung den ersten Platz bei der Zeitschrift "Music & Media" zu belegen.

mw: Welche Rolle spielen Blank & Jones in dieser Geschichte? Engels: Die Begegnung mit Piet war neben der Begegnung mit Louis Spillmann eine der wichtigsten in meinem Leben. Da traf sich die Liebe zur Dance-Musik, gepaart mit Know-how und Lebensfreude. Piet war mit seinem Partner Jaspa Jones als Blank & Jones von Anfang an bei Gang Go. Wir haben sie mit Hilfe von guten Leuten wie Jens Thele von Kontor, der nach der Absage eines Majors den Act von uns sofort unter Vertrag nahm, sowie Armin Johnert mit dem Timo-Maas-Remix zu eigenständigen Performing- und Recording Artists aufgebaut. Dabei haben wir zusammen als wichtigstes Kriterium immer auf Qualität geachtet. Das wird jetzt belohnt: Soeben ist ihr "Substance"-Album für die Eins-Live-Krone 2002 nominiert worden.

mw: Welche Perspektiven sehen Sie in Ihrer neuen Partnerschaft mit Warner? Engels: Wir haben sehr großes Vertrauen bei unserer Zusammenarbeit mit dem wea-Chef Alexander Maurus sowie dem Senior A&R-Manager Markus Hartmann und können schon jetzt eine positive Zwischenbilanz ziehen. Schließlich hat uns wea als innovatives Label gesignt und mit offenen Armen empfangen. Wir können hier unsere Wünsche und Visionen zusammen mit wea verwirklichen und die Platten veröffentlichen, an die wir glauben. Eine solche Konstellation findet man im Dance heute sonst nicht mehr in Deutschland. Denn unsere beiden Mitarbeiter Holger Haberzettl und Mark Geise sind direkt bei Warner in Hamburg stationiert. Durch diese beiden Externen können wir sehen, wo genau etwas nicht funktioniert und zusammen mit wea reagieren.

mw: Wie betreibt Gang Go Artist Development? Engels: Es heißt immer wieder, Dance-Künstler wären Plastik-Acts. Aber Paffendorf, Fragma und natürlich Blank & Jones sind alles Künstler, die selbst singen, produzieren und auf der Bühne stehen, aus unserer eigenen Familie stammen und die wir langsam aufgebaut haben. Bei Gang Go läuft alles face to face ab. Alle unsere Künstler sind bei der Produktion dabei und reden mit. Zudem pflegen wir einen sehr engen Kontakt zum Publikum und schauen auch über den Tellerrand hinweg.

"Dance-Musik sollte Qualität darstellen"

mw: Wie halten Sie es mit den Coverversionen? Engels: Nichts gegen ein sehr gutes Cover. Aber es gibt bei uns grundsätzlich keine Coverversionen, auch wenn wir jede Woche zwei davon mit guter Qualität machen könnten. Wir schreiben lieber unsere Sachen selbst, weil wir an uns glauben und nicht an irgendwelche schnelle Trends. In der Geschichte hat es zwar immer gute Covers gegeben, aber das aktuelle Phänomen gründet nur auf Ideenlosigkeit und Geldhascherei. Die dafür verantwortlichen Leute bauen nur Best-Of-Compilations nach. Das hat nichts mit Qualität zu tun, und Dance-Musik sollte letztlich Qualität darstellen, weil es hier ja um Lebensfreude geht. Ich denke immer an die fünf bis

sieben Millionen junge Leute, die jede Woche in die Clubs gehen, um Spaß zu haben. Die wollen wir nicht enttäuschen. Und wenn sie dort immer nur alte Lieder zu hören bekommen, die sie vielleicht von ihren Eltern kennen, könnte man genauso gut die "Thekenhits"-Compilation auflegen. Und am Ende einer solchen Entwicklung würden dann die guten DJs froh sein, wenn sie noch das Licht im Saal machen dürfen. Aber soweit wird es nicht kommen, weil die Leute diese Coverversionen irgendwann nicht mehr akzeptieren werden. Trends kommen und gehen.

mw: Warum gibt es so wenig DJ-Nachwuchs? Engels: Die meisten guten DJs sind weltweit zwischen 28 und 35 Jahre alt. Newcomer-DJs nehmen sich nicht die Zeit, um die Roots dieser Musik kennen zulernen. Die meisten wollen sofort so groß wie WestBam, Sven Väth, Blank & Jones oder Paul van Dyk sein. Aber man kann nicht einfach nur die Sets der großen DJs nachspielen oder mit einem "Hit" glauben, dass man ein Star ist.

mw: Welche Schuld tragen die Plattenfirmen an dieser Situation? Engels: Die Dance-Szene baut viel zu wenige Künstler auf. Das liegt wiederum daran, dass bei vielen Firmen Leute ohne Verwurzelung in dieser Musik sitzen, die auch nicht über das notwendige Gespür für gute Dancefloor-Music verfügen. Meistens läuft es so, dass irgendein DJ xy zu einer Firma kommt, einen Track macht, der dann mittelmäßig läuft - und das war es dann, bis der nächste DJ kommt.

mw: Wie steuern Sie dagegen? Engels: Bei der Ausstattung unserer Vinyl-Maxis wollen wir den DJs etwas Besonderes geben. Deswegen ist es bei uns Standard, dass wir jeweils mit einem großen Namen und einem noch neuen Produzenten als Remixer zusammenarbeiten. So fing auch die Karriere von Blank & Jones an, die einen Bellini-Remix für uns gemacht haben. Denn Gang Go will innovativ sein, nach vorn denken und einfach anders sein. Das heißt, wir wollen den Zeitgeist entdecken, der morgen kommt.

mw: Wie beurteilen Sie die aktuelle Marktlage im Vinyl-Bereich? Engels: Das hängt immer von der Qualität des jeweiligen Produkts ab. Von der neuen Fragma-Single haben wir trotz eines zur Zeit schwachen Vinyl-Markts noch 5000 Vinyl-Platten verkauft, von der letzten Blank & Jones-Single gar über 7000 Platten. Das sind Rückgänge von nur zehn Prozent. Die Lage ist natürlich schwieriger geworden, vor allem bei neuen Acts. Und der jetzige Einheitsbrei bedeutet, dass eine Platte, die quasi in ähnlicher Form zehnmal auf dem Markt vertreten ist, auch irgendwann nur ein Zehntel verkauft.

mw: Independent-Labels leben oft vom Compilation-Geschäft. Wie wichtig sind für Sie Kopplungen? Engels: Compilations waren für Gang Go nie ein wichtiges Geschäftsfeld. Wir versuchen, über Singles-Verkäufe Künstler aufzubauen und echte Hits zu machen. Dann kommen die Compilations von allein. Auch unsere neue Blank & Jones-Mix-Compilation sehe ich eher von der Artist-Seite als einen Schritt in den Compilations-Markt. Und auch wenn der Markt bei den Kopplungen eingebrochen ist, glaube ich, dass er wiederkommt. Aber auch hier gilt: Das geht nur über Qualität und nicht über Masse. Viele Tracks werden einfach nur auf den Markt geworfen oder mit Medienkooperationen hochgepusht. Davon halte ich überhaupt nichts. Unsere Fans sollen einen Track wegen des Liedes kaufen und nicht wegen der Rama-Werbung.

mw: Wie sieht denn die Lage bei Ihren eigenen Künstlern aus? Engels: Blank & Jones werden am 30. September ihre erste und langerwartete Mix-Compilation veröffentlichen. Danach setzen sie am 11. November mit dem zusammen mit Anne Clark eingespielten Song, "The Hardest Heart", - meiner Meinung nach ihre beste Single ever -, den Abschluss unserer Herbst-Highlights. Von Fragma allein haben wir weltweit über drei Millionen Singles verkauft, die Nummer eins in England erreicht und mit der neuen Single, "Time And Time Again", erneut einen sehr starken Titel produziert. Er stürmt im Augenblick in allen Dance-Charts auf die Eins. Mit Paffendorf gingen wir jüngst bis auf Platz sieben in UK. An die neue Single der Formation, "Crazy, Sexy And Marvellous", glauben wir ebenfalls sehr stark.

"Priorität für eigene Künstler"

mw: Wie halten Sie es mit dem Auslandsgeschäft? Engels: International freue ich mich besonders auf den Track "Circa-Forever" von Rapid Eye, einer Produktion von den Thrillseekers, die wir lizenziert haben. Allerdings lizenzieren wir nur selten ausländisches Material, da unsere eigenen Künstler absolute Priorität besitzen. Nur wenn wir genügend Zeit und Platz haben, veröffentlichen wir ausländische Titel, die wir dann aber auch wie unsere eigenen Produktionen behandeln. Wir lizenzieren kein Fremdmaterial, um es dann bloß an die Wand zu klatschen.

mw: Und wie sieht es mit dem Gang-Go-Repertoire im Ausland aus? Engels: Wir verschicken keine Ware ins Ausland oder bieten unsere Tracks auf Messen wie der Popkomm. an, wie das bei anderen Firmen üblich ist. Die ausländischen Firmen müssen uns wollen, wir arbeiten nur auf Anfrage. Das wird sich allerdings jetzt durch die Konstellation bei einem internationalen Konzern wie Warner sicherlich etwas verändern und verbessern.

mw: Wird Gang Go dadurch als Unternehmen wachsen? Engels: Gang Go soll nicht größer werden, denn dadurch würden wir die persönliche Qualitätskontrolle verlieren. Bevor wir uns kreativ überarbeiten und ins Verderben rennen, ziehen wir den Stecker.

mw: Wie beurteilen Sie die Entwicklung im Dance-Markt? Engels: Das wird allein der Kunde entscheiden. Alles, was dreimal kopiert wird, verkauft sich irgendwann nicht mehr. Bedingt durch schlechte Qualität wird der Markt weiter gesundschrumpfen. Dieser Prozess wird noch zwei Jahre dauern, dann ist alles wieder im Lot.

mw: Liegt ein Teil der Schuld nicht auch bei den Firmen selbst? Engels: Ja, denn bei den meisten Companies fehlen im Dance-Bereich kompetente Senior A&Rs, die den jungen A&Rs mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wir hingegen sind im Team und bei den Künstlern von 17 bis 53 Jahren besetzt. Es kommt doch darauf an, Know-how mit der Zukunft zu verbinden.

zur person

Gottfried Engels, zusammen mit seinem langjährigen Partner Louis Spillmann und dem DJ und Produzenten Piet Blank einer der drei Geschäftsführer des Kölner Dance-Labels Gang Go Music, ist eine der zentralen Gestalten der deutschen Dance-Szene. Er bleibt zwar lieber im Hintergrund und lässt außer einem "geboren im Februar in Deutschland" keine biographischen Angaben an die Öffentlichkeit, ist aber seit Jahrzehnten einer der entscheidenden Macher und Motivatoren in der Branche. So arbeitete der ehemalige Fotograf in den Siebzigern als einer der ersten Mixing-DJs in Deutschland, war als Besitzer von Musik-Clubs aktiv und betreibt mit Music Man seit 14 Jahren einen der führenden Vinyl-Plattenläden in Köln. Hier gründete er auch mit Spillmann vor fünf Jahren die Produktionsfirma Gang Go Music, für die er zusammen mit dem Produzenten Ramon Zenker - "dem besen Dance-Produzenten Deutschlands", wie Engels seinen Parnter beschreibt - mit "Samba De Janeiro" von Bellini gleich zu Beginn einen Welthit schuf. Der Song verkaufte weltweit über drei Millionen Einheiten. Dabei behielt die kleine Firma ganz bewusst Produktion, Signing von Künstlern, deren Vermarktung und Management unter eigener Kontrolle. Zugute kam dem Aufbau der Firma neben Engels langjährigen deutschen Kontakten auch seine persönliche Freundschaft mit Künstlern wie David Morales, Carl Cox oder Laurent Garnier. Wichtig für das lebendige Firmengefüge sei auch, so Engels, die "ideale Kombination" aus dem Plattenladen und der DJ-Tätigkeit von Piet Blank und Jaspa Jones. Dadurch kann Gang Go alles "antesten und mitbekommen", was an der Basis passiert. So fand und entwickelte Engels und sein Team immer wieder neue Talente - nicht nur das inzwischen weltweit gefeierte DJ- und Produzentenduo Blank & Jones, sondern auch weitere erfolgreiche Acts wie Fragma und Paffendorf. Nach wechselnden Partnerschaften bei Orbit, Kontor und edel wechselte Gang Go im April diesen Jahres zu wea records.